„Fleisch ist keine Privatsache mehr!“


Beim Thema Fleisch scheiden sich die Geister. Wieso ist unser Fleischkonsum ein solches Reizthema? Und wieviel Gender steckt in der Debatte? Die Soziologin Jana Rückert-John im DW-Interview.

Neil King, Gabriel Borrud | Deutsche Welle

Jana Rückert-John ist Professorin für „Soziologie des Essens“ an der Hochschule Fulda. Sie erforscht unter anderem, wie wir als Menschen essen und welchen Stellenwert bestimmte Lebensmittel in der Gesellschaft haben.

DW: Es gibt viele gute Gründe – vor allem für die Umwelt – weniger Fleisch zu essen. Warum fällt uns das als Gesellschaft dennoch so schwer?

Rückert-John: Weil Fleisch ein Nahrungsmittel ist, das ein hohes Prestige hat. Historisch wurde es stets mit Macht, Stärke und Potenz assoziiert. Es war immer ein sehr wertvolles Lebensmittel. Es ist sehr zentral beim Essen. Der ganze Teller wird um das Fleisch herum arrangiert. Es ist tief in unserer Kulturgeschichte verankert. Früher gab es Fleisch oft nur sonntags, heute ist es in rauen Mengen zu Dumpingpreisen verfügbar. Für viele – und auch bestimmte Milieus und Altersgruppen – ist es sehr zentral und sehr wichtig, Fleisch zu essen. Wenn man sich das sommerliche Grillen hierzulande anschaut, wird zudem klar, dass der Umgang mit dem offenen Feuer eine ganz starke Allianz mit dem Männlichen hat.

Wie zeigt sich diese männliche Komponente?

Eine These besagt, dass die Einverleibung des getöteten Tieres dem Mann Kraft verleiht. Dies kann bis in die Steinzeit zurückverfolgt werden. Es gibt archäologische Befunde, aus denen gefolgert wird, dass das Jagen eine vorrangig männliche Tätigkeit war. Teilweise fließt dieses Denken heute noch ein, unter anderem in der Werbung für Fleischprodukte. Das startet schon in der Pubertät, wenn Jugendliche ihre Männlichkeit auch über ihren Fleischkonsum definieren. Bei Mädchen ist es stattdessen häufig die erste Diät, mit der Weiblichkeit angezeigt wird.

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