„Anti-Aufklärung im Gewand der Aufklärung“


Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Unter diesem Motto kämpfen heute immer mehr Leute für ein rechtes Weltbild und gegen vermeintliche Eliten. Wie konnte der Leitsatz der Aufklärung zur Parole von Populisten werden?

Marie-Luisa Frick im Gespräch mit Catherine Newmark | Deutschlandfunk Kultur

Wer als mündiger Mensch selbst denken will, sollte die Grenzen des eigenen Wissens anerkennen, sagt die Philosophin Marie-Luisa Frick. (Universität Innsbruck / Andreas Friedle)

Eigenständig denken, kritisch urteilen, verantwortlich handeln: Auf diese Fähigkeiten gründete die Philosophie der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert ihre Vorstellung von einem mündigen Mitglied der Gesellschaft. Das Menschenbild eines derart souveränen Individuums war die Antwort auf fundamentale Umbrüche im Selbst- und Weltverständnis, erklärt Marie-Luisa Frick, Professorin für Philosophie an der Universität Innsbruck – Umwälzungen, für die es erste Anzeichen bereits im späten Mittelalter gegeben habe.

„Viele Strukturen, die Tausende Jahre getragen haben, Vorstellungen der richtigen Ordnung des Politischen, der Geschlechterverhältnisse, der sozialen Verhältnisse sind radikal brüchig geworden“, sagt Frick. „Das erklärt für mich zu einem großen Teil diese Reformbesessenheit, dass man versucht hat, schnell noch Terrain zu schaffen, wo alles wegbricht – wie ein Mensch, der durch eine Gegend rennt, wo links und rechts die Häuser einstürzen, wo man wirklich Sicherheiten schaffen muss, ganz massiv, ganz schnell, weil alles fraglich geworden ist.“

Gott ist nicht mehr die letzte Instanz

Worauf gründen wir unsere Sicherheit, im Hinblick auf Wissen und auf Moral? Diese Frage wurde zu einem Leitmotiv der Aufklärung. Nachdem Gott nicht mehr unangefochten die letzte Instanz darstellte, die diese Sicherheit garantiert, setzten viele Denkerinnen und Denker an seiner Stelle auf die menschliche Vernunft. Bis heute gehört das Vertrauen in vernunftgeleitetes Erkennen, Entscheiden und Handeln zum Fundament demokratischer Gesellschaften, die ihre Grundwerte aus diesem Erbe ableiten.

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