Leipziger Corona-Randale


Es sind nicht nur Rechtsextreme in der großen deutschen Wahnbewegung aktiv, die am 7. November in Leipzig aufmarschierte und randalierte. Ein kritischer Zwischenruf

Tomasz Konicz | TELEPOLIS

„Querdenker“ feiern Abzug der Polizei. Screenshot von elmsfeuer-Video

Leipzig, am Abend des 7. November: Rechtsextremisten marschieren und randalieren auf dem Leipziger Ring – und es ist mal wieder die Rede vom „Kontrollverlust“ der Polizei, die sich plötzlich von den gewaltbereiten Corona-Demonstranten zurückzieht, nachdem sie – mal wieder – mit viel zu geringen Kräften aufmarschierte.

In sozialen Netzwerken wird von komplett überforderten und überrannten Polizeikräften berichtet, von ungehinderten Angriffen auf Pressevertreter und extrem aggressiver Stimmung. Mitunter wurden Polizisten mit Pyrotechnik und Flaschen beworfen. Die Masse, die der gewalttätigen rechtsextremen Vorhut beim Zurücktreiben der Polizeikräfte folgt, geht in die Tausende.

Mit dabei sind auch NPD-Kader und szenebekannte Neonazis. Ähnlich der Situation beim Sturm auf den Reichstag in Berlin, hat die Einsatzleitung der Polizei durch Passivität und Unterbesetzung den Rechtsextremisten ihre massenwirksamen Bilder geliefert.

Die Leipziger Nazirandale bildeten dabei nur den Abschluss der Großkundgebung der „Corona-Rebellen“ oder „Querdenker“, die unter totaler Missachtung selbst der elementarsten Sicherheitsvorkehrungen mitten in einer sich voll entfaltenden Pandemiewelle aufgrund einer Entscheidung des OVG Bautzen stattfinden konnte – und erst nach mehreren Stunden von der Polizei aufgelöst wurde. Übrigens: Richter des OVG Bautzen sitzen laut dem Recherchedienst Correctiv auch in der Redaktion der Sächsischen Verwaltungsblätter, in denen schon mal Desinformation zur Corona-Pandemie veröffentlicht wurden.

Ignorierte Warnrufe

Das Desaster, ein rechtsextremes Superspreader-Event erster Klasse, war abzusehen: Schon vor der eigentlich verbotenen Demonstration und den Ausschreitungen, bei denen die sächsische Polizei mal wieder „überfordert“ schien, schrillten die Alarmglocken. Der Stadt stehe die „größte rechte Mobilisierung seit Legida“ bevor, erklärten Antifaschisten in Lokalzeitungen. Es kursierten in der braunen Szene „Aufrufe mit zum Teil sehr bedrohlichem Sprachgebrauch“, warnten Behörden. Angriffe auf linke Strukturen, Gewalt- und Umsturzparteien würden propagiert.

In der Szene, die nach den letzten islamistischen Terrorakten Morgenluft wittert, kursiert inzwischen die Privatadresse von Thüringens Ministernpräsident Bodo Ramelow, der sich kritisch über diese Bewegung äußerte. Selbst der sächsische Verfassungsschutz, der ansonsten nicht gerade durch konsequentes Vorgehen gegen die rechte Gefahr glänzt, warnte vor einer „massiven“ Anreise von gewaltbereiten Rechtsextremisten aus dem gesamten Bundesgebiet.

Dennoch gilt es hier zu differenzieren. Nicht alle Querdenker sind einfach Rechtsextremisten, die unter Ausnutzung der Krise ihre autoritären und faschistischen Bestrebungen zu realisieren trachten. Es kann sogar davon ausgegangen werden, dass ein Großteil der Demonstranten diese Bezeichnung empört zurückweisen würde. Dies ist nicht nur deswegen der Fall, weil NS-Bestrebungen in der Bundesrepublik formell verboten sind – und folglich selbst viele Nazis zumindest öffentlich nicht als solche tituliert werden wollen.

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