Cécile Wajsbrot: „Die Trennung von Staat und Religion ist nicht nur gut“


Der Präsident verteidigt die Meinungsfreiheit und wird aus dem Ausland angegriffen. Die Pandemie setzt dem Land zu. Im Gespräch: die Autorin Cécile Wajsbrot.

Cornelia Geißler | Berliner Zeitung

Emmanuel Macron (M.), Präsident von Frankreich, spricht nach einer Messerattacke in der Kirche Notre-Dame in Nizza mit Polizeibeamten. Bei dem Attentat hat es mindestens drei Tote und mehrere Verletzte gegeben. Foto: dpa/Eric Gaillard

Der Mord an dem Lehrer Samuel Paty nahe Paris und das neuerliche Attentat in Nizza gehörten in den vergangenen Wochen zu den Ereignissen, die die Corona-Pandemie vom Spitzenplatz der Nachrichten in Frankreich verdrängten. Doch auch das Virus verändert das Land. Als Cécile Wajsbrots Roman „Zerstörung“ erschien, las er sich fast wie eine Weissagung: Die Theater und die Opernhäuser spielen nicht mehr. Die Straßen sind leer. Und sollten doch Menschen einander draußen begegnen, sind sie gehalten, ohne Gespräche weiterzugehen. Doch schlimmer noch: Es herrscht eine Atmosphäre des Misstrauens und der Bespitzelung. Mitte November sollte Cécile Wajsbrot in der Berliner Akademie der Künste aus dem Roman lesen und mit ihrer Übersetzerin, der jüngst mit dem Deutschen Buchpreis geehrten Anne Weber, sprechen. Das ist abgesagt. Unser Interview über die Lage in Frankreich haben wir am Telefon geführt.

Berliner Zeitung: Cécile Wajsbrot, fühlen Sie sich wie eine Kassandra mit Ihrem Buch? Einiges, was Sie in „Zerstörung“ schildern, ist bereits eingetroffen.

Cécile Wajsbrot: Als ich als das Buch angefangen habe zu schreiben, gab es Covid-19 noch nicht. Es hatte natürlich schon Epidemien gegeben, die uns aber nicht direkt getroffen hatten. Die Stimmung jedoch war nicht gut. Hass und Gewalt hatten bereits zugenommen, eine starke Vereinfachung des Denkens … Ich habe nur einiges überspitzt. Leider hat sich die Atmosphäre nun noch weiter verschlechtert.

Vor fünf Jahren, am 13. November 2015, passierte der Angriff auf das Bataclan mit vielen Toten, zuvor gab es die Anschläge auf „Charlie Hebdo“. Vor kurzem nun ist ein Lehrer auf furchtbare Weise ermordet worden, dann geschah ein neuerlicher Anschlag in Nizza. Man hat den Eindruck, Frankreich kommt gar nicht mehr zur Ruhe.

Ich hatte nach diesen Nachrichten das Gefühl, dass Frankreich nach allen Seiten zerfällt. Natürlich hat es in der Vergangenheit noch schlimmere Sachen gegeben. Aber für meine Generation sind es die schwierigsten Jahre hier, auf französischem Boden. Eine kleine Hoffnung gibt es: Das Conseil du culte musulman, also der islamische Dachverband, hat sich sehr deutlich geäußert. Sie verstehen jetzt, dass sie Stellung nehmen sollten.

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