«Ich habe bisher noch nie einen Jihadisten gesehen, der Leute für Informationen bezahlt hat»


Der französische Politologe und Islamkenner Gilles Kepel macht eine neue Form des islamistischen Terrorismus aus, die nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa bedroht.

Nina Belz | Neue Zürcher Zeitung

Der französische Islamwissenschafter Gilles Kepel in Zürich. Christoph Ruckstuhl / NZZ

Herr Kepel, fünf Jahre nach 2015 wird Frankreich von einer weiteren Welle islamistischer Anschläge erschüttert. Weshalb erleben die Franzosen dieses Déjà-vu?

Die Anschläge, die wir grade erleben, sind ziemlich anderer Natur als das, was wir zwischen 2012 und 2019 erlebt haben. Wir haben heute einen Jihadismus, der aus einer Atmosphäre entsteht: die Mohammed-Karikaturen, die Demonstrationen in der arabischen Welt und das Internet. Individuen, die gedanklich in dieser Stimmung drin sind, handeln direkt, ohne dass es eine Organisation dahinter gibt.

Was ist mit dem Islamischen Staat?

Der IS hatte eine netzwerkartige Struktur, welche die Anschläge in den letzten Jahren ermöglicht hat. Jene im November 2015 in Paris waren davon die schlimmsten. Mehrere der Anschläge waren durch Netzwerke in Belgien und Frankreich organisiert worden, aber sie wurden aus Rakka koordiniert. Die Terroristen waren Personen, die Aktionen planten und umsetzten beziehungsweise umsetzen liessen. Doch den IS gibt es nicht mehr. Es gibt noch viele Individuen, die dessen Ideologie leben, unter anderem in den Gefängnissen. Vor allem in Frankreich, aber auch in der Schweiz, in Deutschland und offenbar auch in Österreich. Sie haben zwar keine organisatorische Kapazität mehr. Aber sie teilen immer noch den Diskurs des Hasses auf den Westen und den Wunsch, sich zu rächen. Und was sich noch verändert hat: Der politische Islam hat sich weitgehend radikalisiert.

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