Genetik: Falscher Verdacht


Keine andere Bevölkerungsgruppe wurde so intensiv genetisch erforscht wie die Roma und Sinti, zeigt eine neue Studie. Die Erbgut-Analysen interessieren nicht nur Genetiker, sondern auch die Polizei. Doch dadurch werden die häufig diskriminierten Menschen noch mehr stigmatisiert.

Christina Berndt | Süddeutsche Zeitung

Aufmerksamkeit ist nicht immer gut, auch nicht für Minderheiten. Sie kann diese vom Rand der Gesellschaft in die Mitte rücken. Aber die falsche Aufmerksamkeit kann Minderheiten auch weiter an den Rand drängen. Daher lässt eine Nachricht vom University College Freiburg aufhorchen, die eine der vulnerabelsten ethnischen Minderheiten in Deutschland betrifft: die Roma. An ihnen hat die genetische Forschung ein überbordendes Interesse, wie die Forscher Veronika Lipphardt und Mihai Surdu herausgearbeitet haben. Unter Genetikern sind Roma demnach so begehrt wie keine andere Bevölkerungsgruppe in Europa; erforscht werden ihre Migrationsgeschichte, ihre Krankheiten oder wie sie sich von anderen Menschen in Europa unterscheiden.

Mehr als 330 Publikationen aus den vergangenen 30 Jahren haben Lipphardt und Surdu zusammengetragen, darunter allein 45 mit einem Fokus auf kriminalistische Zwecke. Die Folge dieser ausgedehnten Forschung, so befürchtet es Mihai Surdu, ist „eine verstärkte Stigmatisierung und Kriminalisierung der Roma“. Denn DNA-Analysen in der Forensik bringen grundsätzliche Probleme mit sich. Es mag zwar einleuchtend klingen, wenn Strafverfolger Täter aufgrund von Tatortspuren identifizieren können; dabei könnte die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe helfen. Doch die Analyseverfahren bergen stets das Potenzial für einen Irrtum, was vor allem Folgen für Minderheiten hat. „Sie gelangen bei solchen Fehlinterpretationen überproportional oft ins Visier der Ermittler“, sagt Veronika Lipphardt, somit tragen die Daten zu einem negativen Narrativ über diese Minderheiten bei – etwa der Behauptung, diese seien häufiger an Verbrechen beteiligt. Immer wieder arbeiten Genetiker denn auch mit Ermittlungsbehörden zusammen.

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