Meinungsfreiheit an der Universität: „Wir haben nur einen Schnappschuss gemacht“


Zwei Soziologen haben untersucht, wie es unter linken Studierenden um die Meinungsfreiheit steht. Das Ergebnis finden sie teils „besorgniserregend“.

Marija Barišić, Philipp Bovermann | Süddeutsche Zeitung

Weltoffen und liberal, oder? Studierende im Hörsaal (Symbolbild). (Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die Soziologen Matthias Revers und Richard Traunmüller haben untersucht, wie tolerant linke Studierende der Goethe-Universität Frankfurt gegenüber Menschen sind, deren Haltungen sie ablehnen. Das Ergebnis: Ein „beträchtlicher Anteil“ der Befragten sei bei gewissen Positionen bereit dazu, die Redefreiheit an der Universität einzuschränken. So solle jemand, der etwa die Auffassung vertrete Homosexualität sei unmoralisch, laut 83 Prozent der Befragten, nicht an der Uni unterrichten dürfen, etwa ein Drittel würde die Bücher einer solchen Person aus der Universitätsbibliothek verbannen. Die Ergebnisse der Studie werden nun kontrovers diskutiert.

SZ: Herr Revers, Herr Traunmüller, zu welchem Gesamtergebnis sind Sie gekommen? Muss man sich um die Meinungsfreiheit sorgen?

Matthias Revers: Konservative Studierende der Gesellschaftswissenschaften an der Universität Frankfurt oder solche, die sich rechts der Mitte identifizieren, haben berichtet, dass sie nur zögerlich oder gar nicht ihre politische Meinung preisgeben. Aber sogar Studierende, die sich links einordnen, spüren diesen Konformitätsdruck. Uns wurde von gewissen Dogmen berichtet, die nicht hinterfragt werden dürfen.

Das soziologische Institut der Universität Frankfurt gilt wegen der Tradition der Frankfurter Schule als besonders links. Auch die meisten Ihrer Befragten verorten sich politisch eher links. Gibt es einen Konformitätsdruck nicht immer dort, wo es eine Mehrheit und eine Minderheit gibt?

Revers: Das Ideal der offenen Diskussion wird an der Uni höher gehalten als im Rest der Gesellschaft: Ideen sollen ausdiskutiert und ihnen mit Argumenten begegnet werden. Aber man sieht eben, dass das nicht der Fall ist.

Richard Traunmüller: Ein Drittel der Studierenden hat das Gefühl, sie könnten in einer Diskussion nicht sagen, was sie wirklich denken. Außerdem hat ein Teil der Studierenden angegeben, sie seien nicht bereit, an der Universität kontroverse Redner zu akzeptieren, je nach Thema waren das zwischen 31 und 66 Prozent.

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