QAnon – Verschwörungserzählung mit Messias


„QAnon“ ist in Deutschland ein relativ neues Phänomen und diejenige Verschwörungserzählung, die derzeit die meiste Aufmerksamkeit erfährt. Aus den USA kommend nimmt sie im Zusammenhang der Corona-Situation nun auch in Europa Fahrt auf. Experten warnen vor ihrer rasanten Ausbreitung, ablesbar an hunderttausenden „Followern“ entsprechender Webseiten in sozialen Medien.

Dr. Kai Funkschmidt | EZW

Bei den US-Wahlen gab es sogar eine Reihe offizieller Kandidatinnen und Kandidaten der Republikanischen Partei, die für politische Ämter im Rennen waren und sich zu QAnon bekannt haben.1 Eine von ihnen wurde tatsächlich ins Repräsentantenhaus gewählt. Präsident Trump hat vielfach Tweets von QAnon-Anhängern weiterverbreitet und bei mindestens einer Gelegenheit auf Nachfrage explizit vermieden, sich von der Bewegung zu distanzieren. 

Für Verschwörungserzählungen untypisch kann man den Beginn von QAnon datieren. Seit Oktober 2017 behauptete ein Autor unter anderem auf der Webseite 4chan, in der amerikanischen Bundesverwaltung zu arbeiten und als Geheimnisträger die (tatsächlich existierende) höchste Sicherheitsstufe „Q“ zu besitzen, was seinen „Enthüllungen“ Gewicht verlieh. Da er anonym blieb, wurde „QAnon“ zunächst eine Bezeichnung für ihn, später eine Selbstbezeichnung seiner Anhänger, die sich mit einem „Q“ auf Ansteckern, Plakaten, T-Shirts öffentlich zu erkennen gaben. Über das Internet verbreiteten sich Symbol und Inhalt weltweit und sind heute auch am Rande von Corona-Demonstrationen in Deutschland vertreten. Auffällig ist, dass Q seine Nachrichten teils mit Bibelversen versieht, offenbar richtet er sich auch speziell an Christen. 

Gemäß QAnon halten Netzwerke von Angehörigen mächtiger Eliten (Politik, Wirtschaft, Finanzwelt, Medien, Hollywood) in geheimen unterirdischen Verliesen seit Jahren tausende kleine Kinder gefangen, um aus ihrem Blut das Stoffwechselprodukt „Adrenochrom“ zu gewinnen oder das Blut zu trinken. Auch Vorwürfe sexueller Gewalt und des Kindermords tauchen auf. Zu den konkret benannten Tätern gehören Hillary und Bill Clinton, Barack Obama und George Soros. Adrenochrom soll zur Verjüngung der Betreffenden dienen (offensichtlich ist die Wirkung begrenzt – Botox sei billiger und weniger aufwendig, spotten Kritiker). 

QAnon kennt nicht nur die Bösen mit Namen, sondern auch die beziehungsweise den Retter: Donald Trump. Der amerikanische Präsident bekämpfe die Verschwörer, die den sogenannten „Deep State“ bilden, also jene insgeheim miteinander vernetzten Kräfte in Verwaltung, Wirtschaft und Politik, die gegen das Volk arbeiten, die Kontrolle behalten oder ausdehnen und Trumps Reformbemühungen vereiteln wollen. QAnon ist einerseits eine Art Trump-zentrierter messianischer Kult, andererseits eine handfeste politische Kampagne mit verschwörungstheoretischen Mitteln. Inhaltlich vermischen sich verschiedene Motive: Die alte Angst vor kindertötenden oder -raubenden Mächten (jüdische Ritualmordlegende) und die Erfahrung, dass mit Donald Trump keine Änderung der eigenen Lebensverhältnisse und keine so radikale Politikwende verbunden war wie erhofft, weil er (wie alle demokratisch gewählten Politiker) das Beharrungsvermögen staatlicher Verwaltungen und die machtbegrenzende Kontrollfunktion von Gerichten und Gewaltenteilung erlebte. Für QAnon-Gläubige schnurrt diese komplexe politische und soziale Realität zum Glauben an die Verschwörung des Deep State zusammen. 

QAnon-Anhänger beschäftigen sich intensiv mit der Auslegung der diversen Botschaften von Q. Sie leben in Naherwartung: Mehrfach hat Q mit Datum und Uhrzeit den unmittelbar bevorstehenden großen Schlag angekündigt, bei dem die führenden Vertreter des Deep State verhaftet und die Kinder aus den Verliesen befreit werden sollten. Als nie etwas dergleichen geschah, reagierten Anhänger verunsichert, doch brach die Bewegung nicht zusammen, sondern wuchs weiter, weil Q mit neuen kryptischen Botschaften die ausbleibende Zeitenwende zu deuten verstand. Dieses Phänomen ist aus der Religionsgeschichte gut bekannt: Ein konkret angekündigtes und ausgebliebenes Weltende führt selten unmittelbar zum Ende einer Bewegung, meistens wird es durch Interpretationen aufgefangen. Für die Anhänger ist die Bewegung identitätsstiftend, und die sozialen Kosten für die Zugehörigkeit sind hoch – solange es geht, hält man daran fest, weil ein Scheitern das eigene Selbstbild gefährden würde. Typisch für das gemeinschaftsstiftende Element von Verschwörungserzählungen ist das Symbol „WWG1WGA“, das die Bewegung neben dem „Q“ angenommen hat: „Where we go one, we go all“ (in fantasievoller englischer Grammatik: Wohin einer von uns geht, gehen wir alle). Es ist oft auf Demonstrationen zu sehen. 

Zugleich ist die Aufregung um QAnon auch ein Phänomen medialer Echokammern. Laut einer aktuellen Umfrage des „Survey Center of American Life“ haben 60 % der Amerikaner noch nie von QAnon gehört. Und von denen, die es kennen, sagen 80 %, daran sei nichts.2 Das bedeutet zwar, dass 8 % der Amerikaner es zumindest teilweise glauben. Aber das ist ein Bruchteil des Zuspruchs für Verschwörungserzählungen betreffs Kennedy-Mord, 11. September 2001 und HIV/Aids, die seit Jahrzehnten teils über 50 % Zustimmung haben (zeitweise glaubte ein Drittel amerikanischer Homosexueller, HIV/Aids sei von ihrer Regierung gegen sie in Umlauf gebracht worden. Analysten weisen zudem darauf hin, dass QAnon und seine Symbole „Q“ und „WWG1WGA“ sich zum Teil von ihrem Inhalt gelöst haben und zu nur noch allgemeinen Symbolen für Trump-Unterstützung geworden sind. Inhaltlich werden dann zum Beispiel die Aspekte Kinderlager und Adrenochrom ignoriert und nur der „Deep State“ der Eliten angegriffen: QAnon wäre hier eher ein Symbol für klassischen Populismus als eine echte Verschwörungserzählung. 

QAnon trägt einige für Verschwörungsideen ungewöhnliche Züge. Untypisch ist ihr hoffnungsvoller Grundzug mit namentlich benannter Retterfigur und immer wieder aufgerufener Naherwartung. Selten ist auch, dass hier nicht, wie sonst bei Verschwörungserzählungen, Männer dominieren, sondern dass es ein großes hochaktives weibliches Trägermilieu gibt (hierin ähnelt QAnon der Verschwörungserzählung von der Rituellen Gewalt, die in den USA vor 50 Jahren die „Satanic Panic“ auslöste und sich derzeit wieder in Deutschland etabliert)3. Und schließlich verfolgt QAnon im Gegensatz zu anderen Verschwörungserzählungen offensichtlich unmittelbar parteipolitische Ziele. Seine Virulenz in diesem Jahr war also auch auf die US-Präsidentschaftswahl zurückzuführen. Es bleibt abzuwarten, ob die Bewegung nun nach der Abwahl Trumps ebenso schnell zusammenbricht, wie sie entstanden ist, oder ob sie in veränderter Gestalt fortbesteht. 


1 Vgl. Kaleigh Rogers: QAnon Isn’t Going To Take Over Congress In 2020. But It’s Found A Home In The GOP, FiveThirtyEight, 29.10.2020, tinyurl.com/y3nuwarb (Abruf: 10.11.2020).
2 Vgl. Daniel Cox / John Halpin: Conspiracy theories, misinformation, COVID-19, and the 2020 election, tinyurl.com/yxupdotf (Abruf: 10.11.2020).
3 Vgl. Andreas Hahn: Rituelle Gewalt in satanistischen Gruppen – ein populärer Mythos?, in: MdEZW 7/2019, 243-250.