Von Licht und Diktatur


Wenn Rechte linke Lieder singen, dann ist das eine dreiste Annexion – etwa von antifaschistischen Inhalten. Die Kolumne.

Katja Thorwardt | Frankfurter Rundschau

Der Mannheimer Schmusebarde Xavier Naidoo eignet sich beispielsweise hervorragend als Protestsonglieferant. ©Malte Christians/dpa

Jede Protestbewegung hat ihren eigenen Soundtrack. Im besten Fall einen, der die politische Aktion von der subjektiven Ebene sinnstiftend in einen kollektiven Mitmachmodus überführt. „Ton Steine Scherben“ etwa werden seit den 70er-Jahren auf jeder Häuserkampf-Demonstration gespielt. Erinnert sei auch an den Protestsong der Umweltbewegung um den Käfer Karl („Gänsehaut“) – die Älteren mögen sich erinnern –, der humorlos und ungefragt aus seinem, womöglich dem Frankfurter Stadtwald gejagt wurde.

Auch die extreme Rechte marschiert nicht ohne musikalische Untermalung. Gerne bedient die sich der deutschen Nationalhymne, bevorzugt der Strophen eins und zwei. Wobei die Kameraden von der AfD, vermutlich aus kosmetischen Gründen, gerne erst in die dritte Strophe einsteigen. Das ist jedoch völlig ausreichend, um ihren Nationalismus als blaubraunes Kollektiverlebnis erfahrbar zu machen.

Soweit, so passend. Schräg ist hingegen, was sich in Pandemie-Zeiten so abspielt. Marius Müller-Westernhagens auf Anti-Corona-Demos gerne gespielte „Freiheit“ lässt sich ja noch an das „Wir leben in einer Diktatur“-Geschwurbel andocken. Aber die italienische Partisanenhymne „Bella ciao“?

Die wurde in Frankfurt bei den „Querdenkern“ intoniert, was nur als dreiste Annexion antifaschistischer Inhalte gewertet werden kann. Denn, liebe Corona=Grippe-Verharmloser: „Bella ciao“ ist explizit ein Lied gegen die Rechte. Und das sind nun einmal die, die regelmäßig eure Demos mit ihren Reichskriegsflaggen bereichern.

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