Der Philosoph erkennt nur, was er immer erkennt


Giorgio Agamben sieht sich durch die Corona-Vorkehrungen in seiner Idee bestätigt, dass der Staat stets dem Ausnahmezustand zustrebt. Der größte Widersacher des Denkens ist allerdings das Recht-behalten-Wollen.

Arno Widmann | Frankfurter Rundschau

Als die Bildagenturen noch vom „neuartigen Corona-Virus“ schrieben, etliche italienische Orte allerdings bereits unter Quarantäne standen: Mailand im Februar. ©Miguel Medina/afp

Der in Venedig und am Collège international de philosophie in Paris lehrende Philosoph Giorgio Agamben ist berühmt für seine zahlreichen Veröffentlichungen, in denen er der europäischen Moderne attestiert, den Menschen zerrissen zu haben. Man habe konzeptionell aber auch real Körper und Geist voneinander getrennt. Der Mensch werde immer mehr seiner spirituellen Dimension beraubt und aufs nackte Leben reduziert. In den Konzentrationslagern blieb den Menschen zunächst nichts als das. Bis sie übergeführt wurden in Vernichtungslager, in denen auch das ihnen genommen wurde.

Dieser Prozess ist in den Augen des 78-jährigen Agamben nicht abgeschlossen. Die Gefahr, dass der Staat den Ausnahmezustand ausruft und damit Bürger-, ja elementare Grundrechte abschafft, ist immer gegeben. Der „Ausnahmezustand“ ist das eigentliche Element des Staates. Ausnahme ist er nur, wenn die Menschen sich gegen dieses eigentliche Staatsziel zur Wehr setzen und es ihnen gelingt, die geheime Regel zur Ausnahme zu machen.

Bei Quodlibet, einem kleinen, im italienischen Macerata ansässigen Verlag, ist eine Sammlung von Agambens Corona-Statements herausgekommen, also die Artikel in „Il Manifesto“, Interviews usw.. Der Titel der Sammlung von 16 kurzen Beiträgen ist: „A che punto siamo?“, „An welchem Punkt sind wir?“ Die Artikel enden im Mai des Jahres. Der erste Beitrag stammt vom 26. Februar. Darin zitiert Agamben den Consiglio Nazionale delle Ricerche (CNR), das italienische Pendant zu unseren Max-Planck-Gesellschaften. Der habe erklärt: „In Italien gibt es keine Sars-CoV2 Epidemie“. Es gebe ein erhöhtes Aufkommen von Erkältungskrankheiten. „Nur vier Prozent der Patienten werden auf intensive Therapien angewiesen sein.“

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