Abschied vom «Russki Mir»? – Über eine mögliche strategische Wende in der russischen Aussenpolitik

Russischer Bär

Russlands Zurückhaltung im Umgang mit den Krisen in Nagorni Karabach und Weissrussland ist auffällig. Nach und nach scheint sich Moskau ganz bewusst von einer Dominanz im postsowjetischen Raum zu verabschieden – einfach darum, weil der Preis dafür zu hoch ist.

Wladimir Frolow | Neue Zürcher Zeitung

Russische Friedenstruppen im Anflug auf Nagorni Karabach. Russisches Verteidigungsministerium / EPA

Ohne viel Aufhebens zu machen, hat Russland seine Politik im postsowjetischen Raum geändert. Eine «Eurasische Union», eine «Zone privilegierter Interessen», der «Russki Mir», die regionale Dominanz, die Verteidigung einer Pufferzone vor den «Nato-Panzern und -Raketen» und die einzigartige Rolle als «Garant für Sicherheit und Souveränität» für die postsowjetischen Staaten gegen äussere Einmischungen – diese grossen Träume sind von der derzeitigen Agenda des Kreml verschwunden.

Solch grandiose Ideen existieren zwar in den Talkshows der Staatssender, aber diejenigen, die die russische Politik in den Regionen machen, bedienen sich viel realistischerer Narrative. Denn es herrscht die Meinung, dass der Traum von der russischen Dominanz im postsowjetischen Raum zwar eine gute Sache sei, aber der Preis für seine Verwirklichung viel zu hoch; de facto kann er nur in Ausnahmeszenarien realisiert werden – im Falle, dass existenzielle Staatsinteressen bedroht sind. In den meisten Fällen aber, und insbesondere dort, wo es keine gemeinsame Grenze mit Russland gibt, ist die postsowjetische Dominanz eher ein Luxus als ein Vehikel für nationale Entwicklungsziele.

Man ist dazu übergegangen, die Ambitionen im postsowjetischen Raum zu optimieren und eine Bestandsaufnahme der realen Bedürfnisse und ihrer Umsetzungsmöglichkeiten vorzunehmen. Moskau «wägt ab, was sinnvoll ist und was nicht», sagt der Kreml-Kenner Fjodor Lukjanow. Zu einem grossen Teil ist das auf die Analyse der russischen Aktionen in der Ukraine, Georgien und Syrien zurückzuführen.

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