Männlichkeit heute und einst


Männlichkeit hat derzeit ein schlechtes Image; sie wird mit Belästigung, Vergewaltigung, Umweltzerstörung oder Kriegslust korreliert. Weltweite Kampagnen wie „Metoo“ und misandrische Werbeaktionen von Cosmos-Versicherungen, Gillette oder Edeka befördern, dass die entwertende Darstellung des Mannes sukzessive habituell wird.

Walter Hollstein | TELEPOLIS

Grafik: TP

Männlichkeit wird inzwischen ganz selbstverständlich als eine Art Abweichung vom Normalen beschrieben. Eigenschaften von Männlichkeit, die einst hoch gelobt waren, werden heute negativ umgedeutet: Autonomie wird zur Beziehungsunfähigkeit, Leistungswille zur Karrieresucht oder Disziplin zum Mangel an Spontaneität. Eigentlich normales Verhalten wird damit pathologisiert.

Das ist eine historische Zäsur. Der Mann galt über lange Jahrhunderte als Schöpfer von Zivilisation und Kultur; er war verantwortlich für Schutz und Fortbestand des Gemeinwesens. In Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ heißt es im Text nach John Miltons „Verlorenem Paradies“: „Mit Würd‘ und Hoheit angetan, mit Schönheit, Stärk‘ und Mut begabt, gen Himmel ausgerichtet, steht der Mensch, ein Mann und König der Natur“.

Manchmal sind solche Bilder mit der androzentrischen Gefahr verbunden, das eigene Geschlecht zu idealisieren und dementsprechend das andere abzuwerten; zumeist sind sie aber durchaus altruistisch. „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“, steht in Schillers „Wilhelm Tell“. Beethoven spricht vom „Männerstolz vor Königsthronen“ und meint das mutige männliche Einstehen für Freiheit und Selbstbestimmung. Apostel 13 fordert den „Mann nach dem Herzen Gottes“ und das impliziert Güte, Verantwortung und Fürsorge.

Der Bruch mit diesem Bild wird registriert zu Beginn der siebziger Jahre, als der Feminismus – vor allem in seiner vulgären Ausdrucksform der French, Dworkin oder Schwarzer – beim Kampf gegen das Patriarchat auch das männliche Subjekt gnadenlos zerlegte. So konstatierte Andrea Dworkin: „Terror strahlt aus vom Mann, Terror erleuchtet sein Wesen, Terror ist sein Lebenszweck.“ In ihrem Bestseller „Frauen“ setzte Marilyn French Männer umstandslos mit Nazis gleich. Der Übergang von der verbalen Militanz zur physischen ist nur konsequent:

Ich möchte einen Mann zu einer blutigen Masse geprügelt sehen, mit einem hochhackigen Schuh in seinen Mund gerammt wie ein Apfel in dem Maul eines Schweins.

Andrea Dworkin

Misogynie und Frauenfeindlichkeit sind seit langem anerkannte Themen, für die die Öffentlichkeit stets aufs Neue sensibilisiert wird; für Misandrie und Männerfeindlichkeit gilt das hingegen nicht.

Niedergang der Männer, Aufstieg der Frauen

Die dramatische Entwertung der Männlichkeit wird man dem Feminismus aber nur in seiner ideologischen Komponente anlasten können. Lange vor der ersten und zweiten Frauenbewegung hatte schon die Erosion traditioneller Qualitäten von Mannsein eingesetzt, die über den Umbau der Wirtschaft erfolgte. In einem Sammelband US-amerikanischer Psychiater, der 1982 erschienen ist, notiert Wolfgang Lederer:

Es war die Maschine, die die Männer eines der wenigen natürlichen Vorteile über die Frau beraubte, ihrer größeren körperlichen Kraft. Es braucht einen starken Mann, um Land zu roden und eine gerade Furche zu pflügen; dagegen ist ein weiblicher Teenager in der Lage einen Traktor zu fahren.

Wolfgang Lederer

Der Mann ist zum Anhängsel seiner eigenen Erfindungen geworden und hat sich so seiner Kraft, Autonomie und Kreativität enteignet .

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