Katholische Uni forscht zu Zauberritualen und Zwangsprostitution: Wie Geisterglaube dem Sexhandel dient


Immer mehr Frauen aus Nigeria müssen in Europa anschaffen gehen. Das Besondere an dieser Zwangsprostitution: Sie baut auf Voodoo-Zauber. Der Glaube an böse Geister hält die Opfer auch ohne körperliche Gewalt gefangen.

DOMRADIO.DE

Simon Kolbe (36) ist Doktorand am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU). Gemeinsam mit Kolleginnen hat Kolbe im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes ein Handbuch herausgegeben, das Sozialarbeiter beim Umgang mit „verfluchten“ Zwangsprostituierten unterstützen soll. Das Thema Religiosität ist dabei eher zweischneidig.

KNA: Herr Kolbe, wie führt der Geisterglaube in die Zwangsprostitution?

Kolbe: Die meisten nigerianischen Zwangsprostituierten stammen aus dem Bundesstaat Edo. Dort ist der Glaube an Geister Alltag. So glauben die Menschen etwa, dass gute Geister bei Heilungsprozessen helfen und dass böse Geister sie bei schlechten Taten in den Wahnsinn oder Tod treiben. In den vergangenen Jahren hat sich spiritueller Missbrauch in diesem Bereich etabliert.

KNA: Warum?

Kolbe: In Edo und Nigeria gibt es mehr und mehr Frauen in prekären sozialen Lagen und ohne Perspektiven. Diese bildungsfernen Personen – oft sind es noch Jugendliche – sind sehr empfänglich für Versprechungen von Menschenhändlerinnen, sie könnten in Europa in Frisörsalons oder als Hausmädchen arbeiten. Diese Empfänglichkeit begründet sich auch dadurch, dass man in Afrika die Flucht nach Europa oft einseitig positiv sieht. Was wiederum auch am Voodoo-Zauber liegt. Denn Betroffene dürfen nicht über ihre wahre Situation sprechen.

KNA: Wie läuft der spirituelle Missbrauch ab?

Kolbe: Wenn eine Frau sich nach Europa bringen lassen will, geht sie zu einem sogenannten Juju-Ritual. Das ist in Edo ganz normal. Über 90 Prozent der Nigerianer sehen Religion laut einer Studie als zentral für ihr Leben an. Bei dem Ritual sprechen Geistliche unter anderem Zaubersprüche, fügen den Mädchen Schnittwunden zu und verbrennen deren Kopf- und Schamhaare. Dabei werden Haare, Finger- oder Fußnägel oder auch die Unterwäsche als „Pfand“ einbehalten. Das kommt einem Vertragsschluss zwischen der Frau und ihrer Madam unter Vermittlung des Juju-Priesters gleich.

weiterlesen