Fleischindustrie: „Überhang von einer Million Schweinen“ bis Weihnachten


In deutschen Ställen wird es durch die Corona-Krise enger. Zahl der Schlachttiere nimmt zu. Schlachtbetriebe haben zu wenig Kapazitäten, Export rückläufig

Susanne Aigner | TELEPOLIS

Bild: Pixabay License

Es begann im Mai, als erste Corona-Erkrankungen in einem Fleischbetrieb in Coesfeld bekannt wurden. Damals kündigte der nordrhein-westfälische Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) an, er wolle den „Sumpf in der Fleischindustrie austrocknen“. Gemeint war vor allem das Betriebssystem: Werkverträge sollten verboten, Arbeitsbedingungen verbessert werden. Man entwickelte Hygienekonzepte, traf Regelungen für die Unterkünfte der Mitarbeiter und verhängte Betriebsschließungen.

Im Juni wurden im Schlachthof Tönnies mehr als 1.400 Mitarbeiter positiv auf Corona getestet. Der Schlachtbetrieb wurde vorübergehend geschlossen. Seither sollen Hochleistungsfilter verhindern, dass sich das Virus über die Umluftkühlanlage verbreitet. Die Arbeiter werden zweimal wöchentlich auf eine Corona-Infektion getestet. Sie müssen einen chirurgischen Mund-Nasen-Schutz tragen und die Abstandregeln strikt einhalten.

Seit einigen Monaten darf der Betrieb mit etwa 70 Prozent Auslastung unter strengen Auflagen wieder arbeiten. Im November nahm Tönnies eine umgebaute und coronakonforme Anlage zur Schinkenzerlegung in Betrieb. Damit können 40.000 Tiere pro Woche mehr geschlachtet und der Schweinestau sukzessive abgebaut werden.

Unterdessen wächst die Zahl der Schweine, die auf ihre Schlachtung warten, immer weiter. Der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e. V. (ISN) zufolge gab es Anfang November einen „Überhang“ von rund 570.000 Schweinen. Für deutsche Schweinehalter sei die Situation „katastrophal“ und „existenzbedrohend“, meldet die ISN.

„Der Schweinestau baut sich immer weiter auf“, heißt es dort. Gewarnt wird vor „einer Million Schweine(n) in der Warteschleife“. Werde nicht gegengesteuert, explodiere die Zahl der Schweine über Weihnachten und den Jahreswechsel, denn dann fielen mehrere Schlachttage bedingt durch die Feiertage aus. Auch zu normalen Zeiten muss der Überschuss an Schweinen, der sich an den Feiertagen bildet, bis in den späten Januar abgebaut werden. Daher werde schon einige Tage vorher mehr geschlachtet als sonst. Mit diesem Spielraum ist in diesem Jahr wohl nicht zu rechnen.

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