Pflegenotstand


Abstract: Der Wirkungsgrad von Politik ist negativ, d.h. sie erzeugt mehr Probleme als sie löst, und die von ihr gelösten Probleme sind in der Regel zuvor von ihr selbst erzeugt. Die Begründung der These wird am Beispiel des „Pflegenotstandes“ ausgeführt. Es beginnt mit einer Beschreibung des Ist-Zustandes, hinsichtlich Zahl, Einkommen und Wertschätzung von Pflegekräften.

Winfried D‘Avis | TELEPOLIS

Bild: MiVargof/Pixabay License

Alle drei Indikatoren sind im Wert deutlich zu niedrig – und das bei deutlich zu hoher Arbeitsbelastung. Nach einhelliger Meinung der Experten wird sich an diesem Missverhältnis in den nächsten Jahren nichts ändern. Die Folge für die Pflegebedürftigen: Sie können weiterhin nicht angemessen versorgt werden. Eine Schande in einem der reichsten Länder der Erde, das sich in Art. 20 GG „sozialer Bundesstaat“ nennt.

Nach der Beschreibung des Ist-Zustandes wird der Verursacher detektiert: die Politik. Inzwischen zwar aus dem Schlaf erwacht, hat die politische Klasse den desolaten Zustand nicht nur verursacht, sondern ist auch unfähig, ihn zu beseitigen. Grund ist ein Systemfehler: Es fehlt der Zusammenhang von prospektivem Denken und prophylaktischem Handeln. Deshalb sehe ich auf absehbare Zeit nur eine Möglichkeit, das Problem „Pflegenotstand“ zumindest zu entschärfen: mit privatem Engagement im Schutzraum der Familie. Dass und wie dies möglich ist, skizziere ich anhand von vier Regeln, im Sinne von praktischen Empfehlungen für pflegende Familienangehörige.

Wichtig ist: Meine Ausführungen basieren nicht auf den üblichen „Recherchen“, sondern auf eigener Erfahrung: Ich habe meine Mutter fünf Jahre lang zu Hause bis zu ihrem letzten Atemzug im 98. Lebensjahr gepflegt.

Der desolate Ist-Zustand

Ausgelöst wurde er durch den demographischen Wandel: Die Menschen wurden immer älter (nicht zuletzt wegen des medizinischen Fortschritts), und infolge davon nahm die Zahl der Alten zu. Seit Jahrzehnten bekannt, wären Maßnahmen zur Aufstockung des Pflegepersonals ein dringendes politisches Erfordernis gewesen. Geschehen ist nichts, bis heute.

Kritik an diesem Mangelzustand kommt inzwischen auch aus der Politik selbst. So weist der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, im August 2020 eindringlich auf die „Personalnot“ hin, die weiter zunehmen werde, wenn sich die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte nicht signifikant verbessern.

Dem viel zu späten warnenden Appell des staatlichen Pflegebeauftragten vorausgegangen war noch vor Kurzem eine Unverschämtheit der Politik, nämlich der durchsichtige Versuch, die durch Corona dramatisch verschärfte Lage billig, d.h. nur durch lobende Worte, aus der Welt zu reden. So wurden Pflegekräfte – sogar von höchster staatlicher Stelle, von Bundespräsident Steinmeier – kostenneutral zu „Helden“ erklärt. In den Worten von Westerfellhaus: „Die Pflegekräfte sind zu Beginn der Corona-Krise hochgejubelt und für systemrelevant erklärt worden.“

Passiert ist aber zunächst einmal wieder nichts (außer dem Versprechen einer einmaligen Prämie). Anders gesagt: Es gab wie so oft gleichermaßen hilflose wie rhetorisch geschliffene Kommunikation anstatt reale Problemlösung.

Was die Verbesserung der Arbeitsbedingungen betrifft, insbesondere durch Aufstockung des Personals, so ist – selbst wenn die Politik guten Willens wäre – nach einhelliger Meinung kein Land in Sicht: „Der Arbeitsmarkt ist quasi leer gefegt“, so Peter Tackenberg, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe. Heldennachschub ist somit nicht möglich. M.a.W.: Weiterhin muss das vorhandene Personal eine immer größer werdende Zahl von Pflegebedürftigen betreuen.

Wie dramatisch schlecht die Lage ist, zeigt einmal mehr dieses Defizit: Selbst wenn die zurzeit 40.000 unbesetzten Stellen besetzt werden könnten – was aber nicht der Fall ist – , wäre das wegen der weiter zunehmenden Anzahl von Pflegebedürftigen keine befriedigende Lösung des Problems (Nach Berechnungen von Verdi aus dem Jahr 2017 fehlen in Krankenhäusern 162 000 Vollzeitstellen, davon 70 000 für Pflegekräfte. Inzwischen wurden die Zahlen nach oben korrigiert, auf über 200 000).

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