Seit dem Brexit-Votum begreift man England nicht mehr. Steckt Wahnsinn dahinter – oder doch Methode?


Über Jahrhunderte spielte England weltweit eine Führungsrolle. Dazu scheint die neue Tendenz zur Selbstisolation nicht zu passen. Aber die Geistesgeschichte des Landes erklärt einiges.

Hans-Dieter Gelfert | Neue Zürcher Zeitung

Dem Machtanspruch des Monarchen setzte England schon früh das Parlament als ausgleichende Kraft entgegen. Die Radierung aus dem frühen 17. Jahrhundert zeigt eine Parlamentssitzung zur Zeit von König James I. Hulton / Getty

Neben dem Humor gilt den Briten ihr Common Sense als zweite Nationaltugend. Ihm mag es zu verdanken sein, dass das Land unter den grossen europäischen Nationen historisch die eindrucksvollste Erfolgsbilanz aufzuweisen hat. Dennoch wird es in naher Zukunft seine grösste politische Torheit besiegeln und sich endgültig von der EU verabschieden. So jedenfalls sehen es die Kontinentaleuropäer.

Wenn Rationalität das spezifische Merkmal des menschlichen Bewusstseins ist, sollte man annehmen, dass sie in allen Menschen gleich ist. Für die logische Grundstruktur des Denkens mag das zutreffen. Doch ein rein logisches Denken gibt es allenfalls in der Wissenschaft. Im übrigen Leben ist das Denken durch Glaubensinhalte, Gefühle und Interessen so «verunreinigt», dass am Ende jeder Mensch seine eigene Art zu denken hat.

Das Denken verzweigt sich

Das gilt ebenso für ganze Völker. Vor der Ausbildung der europäischen Nationalstaaten standen die berufsmässigen Denker noch über die Landesgrenzen hinaus in engem Kontakt. Es waren philosophierende Theologen, für die nach dem Gebot der Kirche die Philosophie die «Magd der Theologie» war. Als sich dann aber nach der Reformation das Denken aus der Bevormundung durch kirchliche Dogmen löste und gleichzeitig die Nationalstaaten ein eigenes kulturelles Selbstverständnis ausbildeten, entwickelten sich auch im Denken unterschiedliche Präferenzen.

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