Ulf Poschardt: Gottesdienste sind der falsche Ort für Parteitagsreden


Die Kirchen könnten spirituellen Sehnsüchten kaum noch etwas bieten. Stattdessen hörten sich Prediger oft wie Grünen-Politiker an, sagt der Journalist Ulf Poschardt. Auch manch kirchliche Aktion sei nicht zu Ende gedacht – etwa „United4Rescue“.

 Renardo Schlegelmilch | katholisch.de

„Ein Kirchentag ist kaum noch zu unterscheiden vom Grünen-Parteitag“: Mit seiner Meinung hält Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt“-Gruppe, nicht hinterm Berg. Die Kirchen sind ihm zu politisch geworden, gerade die Evangelische Kiche in Deutschland (EKD). Für die Weihnachtszeit unter Corona-Bedingungen wünscht er sich kreative Ansätze der Kirchen. Außerdem verrät er, weshalb die Jesuiten für ihn ein „intellektuelles Gegengift“ sind.

Frage: Sie betreuen als Chefredakteur der „Welt“-Gruppe die „Welt“ und „Welt am Sonntag“. Für Sie ist der Lockdown sicher eine stressige Zeit.

Poschardt: Ja und nein. Diese Corona-Situationen, die uns alle gleichermaßen vor große Herausforderungen stellen, führt dazu, dass es ganz viel Informationsbedürfnis gibt. Und dem kommen wir sehr gerne nach. Wir haben unglaubliche Reichweiten und viele neue Abonnenten. Und insofern ist es inspirierend zu sehen, dass der Journalismus da auch eine hohe Verantwortung wahrnehmen darf, dass es mitunter stressig ist und bis an die Grenzen der Belastungsfähigkeit geht. Stichwort Corona-Gipfel, und dann auch noch amerikanische Wahlen und so weiter. Das ist schon ein sehr dichtes und auch sehr forderndes Jahr. Aber wenn man gerne Journalist ist, dann macht man das auch sehr gerne.

Frage: Sie sind meinungsstarker Journalist. Sie sind eine Stimme im gesellschaftlichen Dialog, zum Beispiel über Ihren Twitter-Kanal. Wir erinnern uns vor drei Jahren an die Diskussion, die Sie mit angestoßen haben, ob und wie politisch Weihnachtsgottesdienste sein sollten. Ich will aber den Kontext erst einmal verstehen. Sie sind christlich geprägt. Ihr Vater war Methodistenprediger. Sie haben auch Ihren Zivildienst in einer Gemeinde gemacht. Sie haben bei den Jesuiten in München studiert. Dieser ganze Kontext, dieses Christliche, diese christliche Prägung, was spielt das für eine Rolle für Sie?

Poschardt: Herkunft ist Zukunft. Also ich glaube, dass man ganz stark geprägt ist. Ich bin sehr stark geprägt worden durch diese Erziehung. Das war auch immer etwas, was mich sehr inspiriert hat. Um die Gegenwart zu verstehen, ist das wichtig, aber auch ganz besonders, wenn man aus einem freikirchlichen, protestantischen Elternhaus kommt. Meine Mutter ist aus Dänemark, da kommt der nordische Protestantismus noch dazu. Der ist ja auch ganz speziell. Und dann hat man da natürlich, glaube ich, ein gutes Verständnis, wie auch die lebensweltlich kulturellen Implikationen des Protestantismus eigentlich dieses Gegenwarts-Deutschland prägen. Für mich waren die Jesuiten so eine Art „katholisches Gegengift“ und die haben mich schon intellektuell sehr beeindruckt und bleiben auch für mich eigentlich, wenn es um christliche Intellektualität geht, die wirklich entscheidende Größe.

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