Polizei in Frankreich: „Es gibt einen immensen Mangel an Disziplin“

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Der Politikwissenschaftler Fabien Jobard erklärt, warum Polizeieinsätze in Frankreich schneller eskalieren und was in Deutschland besser läuft.

Nadia Pantel | Süddeutsche Zeitung

In Frankreich eskaliert die Gewalt zwischen Polizei und Demonstrierenden auf Protesten häufiger als in Deutschland. (Foto: AP)

In Frankreich haben am Samstag Hunderttausende gegen Polizeigewalt demonstriert und gegen den Artikel 24 eines neuen Sicherheitsgesetzes, der es verbieten soll, Polizisten bei der Arbeit zu filmen, wenn diese Aufnahmen den Polizisten „psychisch oder physisch schaden“. Artikel 24 soll nun nach den Protesten umgeschrieben werden. Doch die Debatte, ob die Polizei vor den Bürgern, oder die Bürger vor der Polizei geschützt werden müssen, läuft weiter. Der Politikwissenschaftler Fabien Jobard forscht seit zwanzig Jahren zu Polizeiarbeit und Strafkultur. Er erklärt, welchen Effekt ein Filmverbot hätte und warum Polizeieinsätze in Frankreich schneller eskalieren.

SZ: Wächst der Missbrauch von Gewalt durch Polizeibeamte?

Fabien Jobard: Einerseits wissen wir, dass die Polizei auch in den Achtzigerjahren in den Banlieues sehr brutal war. Es wurde häufiger zu Schusswaffen gegriffen als heute, und die Beamten haben Kampfhunde auf Menschen losgelassen. Aber von solchen Vorfällen gab es keine Videoaufnahmen, man hat nur zufällig davon erfahren. Andererseits hat sich die Ausstattung der Streifenpolizisten verändert, sie wurde militarisiert. Nach den Unruhen in den Banlieues 2005 wurden die Polizisten immer häufiger mit Hartgummigeschossen bewaffnet. Die Schutzausrüstung wurde verstärkt, jetzt tragen Beamte bis zu 15 Kilo Schutzkleidung, wenn sie in der Banlieue im Einsatz sind. Das hat einen Abschreckungseffekt, es entsteht sofort eine größere Distanz zwischen Polizei und Bürgern. Sprache fällt als Deeskalationsmittel immer öfter weg. Stattdessen kommt es viel schneller zu Körpereinsatz.

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