Leiter der Missbrauchsstudie in Münster: Der Zölibat stand über allem


Bereits im Zwischenbericht zur Münsteraner Missbrauchsstudie zeichnet sich ein erhebliches Fehlverhalten von Bischöfen ab. Im Interview mit katholisch.de erklärt Studienleiter Thomas Großbölting, dass er 2022 noch mehr Namen nennen wird – und sich dafür den Umgang mit Stasi-Akten zum Vorbild nimmt.

Gabriele Höfling | katholisch.de

Noch bis zum Frühjahr 2022 arbeitet der Historiker Thomas Großbölting den Umgang mit Missbrauch im Bistum Münster auf, vor einigen Tagen hat er einen ersten Zwischenbericht vorgestellt. Er will ein breites Bild der Geschehnisse zeichnen, das neben juristischen auch gesellschaftliche Aspekte berücksichtigt. Im katholisch.de-Interview sagt er auch, was er vom Umgang Kardinal Woelkis mit der Missbrauchsaufarbeitung in dessen Bistum hält.

Frage: Sie haben in Ihrer Studie mit Fällen zwischen 1945 und 2018 im Bistum Münster eine große Milde festgestellt im Umgang mit Schuldigen. Was heißt das genau, Herr Großbölting?

Großbölting: In der Personalkonferenz von Bischof, Weihbischöfen, dem Generalvikar und dem Leiter der Personalabteilung wurden Missbrauchstaten gemeldet. Das geschah meistens in einer eher „verdrucksten“ Form. Das heißt, man behandelte die Fälle wenig explizit, sondern gab sie schnell an diejenigen weiter, die regional zuständig waren, beispielsweise an den Weihbischof. Wenn es ausführlichere Beratungen gab, war die Zielrichtung ganz deutlich: den Täter nicht verurteilen und dem „Mitbruder“ zu ermöglichen, weiter priesterlich tätig zu sein. Diese Vorgehensweise lässt sich vielleicht theologisch erklären, hat aber mit Recht wenig zu tun. Die Bistumsleitungen gingen über die Jahrzehnte hinweg dezidiert andere Wege, als es sowohl das weltliche als auch das Kirchenrecht vorsah. Das hat sich in der Kirche erst mit der Jahrtausendwende und der Aufdeckung der Vorkommnisse am Canisius-Kolleg in Berlin geändert.

Frage: Und so haben in Münster auch die Bischöfe gehandelt?

Großbölting: Ja, das betrifft auch die Bischöfe. Wir werden das im März 2022, wenn wir die Studie veröffentlichen, ausführlich dokumentieren. Aktuell gehen wir davon aus, dass es beispielsweise in der langen Amtszeit des inzwischen verstorbenen Bischofs Reinhard Lettmann eine Reihe von Fällen gibt, in denen er nicht nur moralisch, sondern auch juristisch und kirchenrechtlich nicht korrekt gehandelt hat.

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