Letzte Lektion Liebesentzug – wer in Sachen Erziehung ausschliesslich auf emotionales Einverständnis setzt, begibt sich auf gefährliches Terrain


«Beziehung statt Erziehung» lautet ein trendiges pädagogisches Konzept. Jede Form von Strenge erscheint wie Manipulation. Dabei wird gerne übersehen, dass auch in autoritätslos scheinenden Beziehungen verdeckte Zwänge wirken. Und nicht zu knapp.

Margrit Stamm | Neue Zürcher Zeitung

Die Kosten des Liebesentzugs sind hoch, weil er das Selbstwertgefühl des Kindes beschädigt und ihm durch Manipulation sein Ungenügen vor Augen führt. Eloy Alonso / Reuters

Autorität gilt als «böses» Wort, Erziehung als Manipulation, zumindest in neuen Bewegungen, welche Nichterziehung oder die alleinige Orientierung an den kindlichen Bedürfnissen proklamieren. Eigentlich verständlich. Autorität ist ein schwieriger Begriff, und wir alle haben Erfahrungen mit ihr. Wer selbst autoritär erzogen worden ist, will alles dafür tun, um nicht ein Abbild der strengen Eltern oder des angsteinflössenden Paukers zu werden. Autorität wird deshalb mit Drill, Angst und konservativem Denken gleichgesetzt und im Widerspruch zu Freiheit und Selbstbestimmung gesehen. Trends wie #beziehungstatterziehung gelten als neue Alternativen.

Erziehungsstile sind zu Lebenshaltungen geworden und werden oft wie politische Ideologien verfolgt. Dies ist ein Grund für den moralisch aufgeladenen Diskurs, der die Krise der Autorität überdeutlich macht. Dabei werden die Konzepte der bedürfnisorientierten Nichterziehung oft niederkomplex dargestellt, weil sie unbeabsichtigte Auswirkungen auf die Kinder ausblenden. Auch eine Beziehung, die ohne Erziehung und Autorität funktionieren will, kann verdeckte Zwänge beinhalten.

Verhandlungshaushalt statt Befehlshaushalt

Autoritätsstrukturen haben sich gewandelt. Familie und Schule sind kaum mehr herrschaftsförmig organisierte, sondern kindzentrierte Formen von Zusammenleben und Ausbildung. In der Familie hat der Verhandlungshaushalt den Befehlshaushalt abgelöst, in der Schule geht es verstärkt um Selbstorganisation und Demokratielernen. Dies ist eine vielversprechende Entwicklung, die aber auf ein stützendes Gerüst der Erziehung angewiesen ist.

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