Auf der Flucht: Wer tötete Yahya Ayoubi?


Es gibt kein Bild von Yahya Ayoubi. Keines von seinem leblosen Körper an einem Strand der griechischen Insel Samos. Es gibt kein Bild, das wir in Händen halten. Doch das heißt nicht, dass wir es nicht sehen können.

Tanja Kokoska | Frankfurter Rundschau

Was verstehen wir, die das Leben nie zwang zu fliehen? ©IAIN MCGREGOR/AFP

Yahya Ayoubi wurde sechs Jahre alt. Sein Vater Nadir ist 25. Die griechischen Behörden klagen ihn an: Er habe das Kindeswohl gefährdet. Es ist das erste Mal, dass die griechische Justiz ein solches Verfahren anstrengt.

Nadir erwartet eine Haftstrafe, sechs Jahre, vielleicht zehn. Nicht etwa, weil er seinen Sohn mit auf eine vergnügliche, aber etwas waghalsige Kanufahrt genommen hätte. Sein Verbrechen bestand darin, gemeinsam mit 22 weiteren Geflüchteten in der Nacht des 8. November irgendwo an der türkischen Küste in ein Boot zu steigen, seinen Sohn Yahya an der Hand. In der Hoffnung, es nach Europa zu schaffen, nach Griechenland, trotz Sturm, trotz starken Seegangs. Yahya schaffte es nicht. Man fand ihn am nächsten Morgen, tot.

„Als Sie das Foto des kleinen Jungen sahen, das Bild meines lieben Neffen Alan, gestorben an einem Strand in der Ferne, wurden Sie Teil unserer Familie. Jetzt teilen Sie unseren Schrecken, unseren Herzschmerz, unseren Schock, unsere Wut.“ Das schreibt Tima Kurdi in ihrem Buch „Der Junge am Strand“, das jetzt erschien. Es gibt dieses Bild von Alan Kurdi, es entstand im September 2015, es ging um die Welt. Ein kleiner lebloser Körper, von Wellen umspült. Alan Kurdi war zwei Jahre alt, als er starb. Auf der Flucht aus der Türkei Richtung Griechenland. Wie Yahya. Alans Vater, Abdullah Kurdi, überlebte. Wie Nadir Ayoubi.

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