Der Anthropologe Carel van Schaik sagt: «Wie viele Leute glauben denn wirklich, dass das Geschlecht überhaupt nichts mit der Biologie zu tun habe?»


Frauen und Männer verhalten sich nicht gleich. Dennoch haben sie während Jahrtausenden in egalitären Gesellschaften bestens kooperiert. Carel van Schaik erklärt im Gespräch mit Markus Schär, wie es zur Ungleichheit der Geschlechter und zur Unterdrückung der Frauen kam. Und warum die kulturelle Evolution ebenso wichtig ist wie die biologische.

Markus Schär | Neue Zürcher Zeitung

Primatologe und Anthropologe Carel van Schaik. Ruben Hollinger

Verbirgt sich hinter Ihrem freundlichen Lächeln eigentlich ein streitbarer Geist, Herr van Schaik?

Nein, im Gegenteil. Ich möchte helfen, den Graben zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften zuzuschütten. Dabei versuche ich, Fakten aufzuzeigen und Vorurteile abzubauen. Etwa jenes, dass die Biologie einen normativen Anspruch erhebe, also vorschreibe, wie wir leben sollen. Das tut sie nicht. Sie kann aber helfen, uns selbst besser zu verstehen.

Immerhin legten Sie sich in Ihrem letzten Buch, «Das Tagebuch der Menschheit», mit den Bibelgläubigen an.

Mit denen, die die Bibel für das tatsächliche Wort Gottes halten. Aber vielen anderen gefiel das Buch erstaunlich gut.

Wie das?

Die Gläubigen schätzten, dass wir uns ernsthaft mit der Bibel auseinandersetzten. Kai Michel und ich lasen sie als Versuch der Menschen, die Krisen zu bewältigen, die sie seit der Einführung der Landwirtschaft plagten: Seuchen, Kriege, wachsende Ungerechtigkeit. Nicht weniges in der Bibel ist ja Protowissenschaft, ein Versuch, die Welt zu erklären. So auch, warum das Patriarchat herrschte: Das sei eine Strafe Gottes. Aber das ist für uns die Lüge über Eva.

weiterlesen