Faulheit: Todsünde oder Tugend?


Der Philosoph André Rauch betrachtet die Faulheit aus verschiedenen Blickwinkeln und zeigt auf, wie sich das Denken über Faulheit über die Jahrhunderte verändert hat. Dabei wirft der heutige Blick auf diese Eigenschaft besondere Kontroversen auf.

André Rauch im Gespräch mit Michael Magercord | Deutschlandfunk

Eine leistungslose Transferzahlung zugesprochen zu bekommen, zum Beispiel ein Erbe, ist die gesellschaftliche Erfüllung des alten Menschheitstraumes: ungestraft faul sein zu dürfen. Ob das jedem guttut, steht auf einem anderen Blatt. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

André Rauch:Wenn Sie mir heute sagen, du bist faul, Sie sind faul, dann sage ich mir, er behandelt mich als Faulpelz, weil ich nicht tue, was er von mir will. Jemand der faul ist, nimmt sich seine Freiheit. Faulheit ist der höchste Grad der Freiheit: Ich tue nicht, was du von mir willst, ich tue, was ich für mich entscheide! Ah, du willst mich als deinen Knecht, als Sklaven, als Bediensteten! Will mich jemand manipulieren, wenn er mich als faul bezeichnet? Welchen Vorteil, welchen Nutzen will er aus seiner Beleidigung ziehen? Ich versetze mich in seinen Kopf und denke, er will, dass ich für ihn irgendetwas möglichst billig erledige oder in seinem Interesse ein Risiko eingehe. Aber nein, das wird nichts, ich bin nicht von dir abhängig.

Michael Magercord: André Rauch ist ein freier Mensch und er lebt im modernen Schlaraffenland. Denn der 73-jährige Professor aus Straßburg ist emeritiert, also von seinen universitären Diensten entpflichtet. Er ist Rentner, bezieht seine Pension; und eine leistungslose Transferzahlung am Ende des Arbeitslebens zugesprochen zu bekommen, sei die gesellschaftliche Erfüllung des alten Menschheitstraumes, ungestraft faul sein zu dürfen.

Doch ebenso wenig, wie André Rauch sich nun in einem absoluten Ruhestand befinden würde, hätte er Faulheit schon immer als Ausdruck seiner Freiheit und Selbstbehauptung auffassen können. Im Gegenteil:

Rauch: Ich versetze mich zurück: Als Gymnasiast war ich ein Faulpelz. Ich war faul als Rebell. Das würde mir zuerst einfallen, wenn mich jemand als faul bezeichnen würde. Doch dann würde ich mich fragen, was er eigentlich von mir will? Was soll ich für ihn tun? Und war es nicht schon früher so: Wollte man sich nicht bloß über mich mokieren, um meine Eltern schlecht zu machen? Ja, er ist paranoid, ein Schweinehund, und seine Großeltern waren auch schon so! Nur im ersten Moment würde ich es noch als Beleidigung auffassen, denn da kehrt nun einmal diese Erinnerung aus der Kindheit zurück.

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