Was ist schlimmer für die EU – Großbritanniens Abschied oder Ungarns Bleiben?


Was der Brexit wirklich bedeutet, wird sich erst in fünf bis zehn Jahren zeigen. Bis dahin wird auch die EU vielleicht schon ganz anders aussehen.

Timothy Garton Ash | DER TAGESSPIEGEL

Vorerst bleibt der Fahnensalat und zwischen Großbritannien und der EU ist weiter keine klare Sicht in Sicht (Archivfoto).Foto: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

‚Brexit bedeutet Brexit‘ – das Mantra der ehemaligen britischen Premierministerin Theresa May verdient einen Platz in den Philosophie-Lehrbüchern als bedeutungslosester Satz, der je das Wort ‚bedeuten‘ enthielt. Aber machen wir uns nicht vor, dass wir – wenn wir endlich herausfinden, ob es ein minimales oder gar kein Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU gibt – wüssten, was Brexit heißt.

Es wird sicher fünf Jahre dauern, wahrscheinlich sogar zehn, bis wir klar umreißen können, wie die neuen Beziehung zwischen den vorgelagerten Inseln und dem Kontinent aussehen. Bis dahin wird die EU vielleicht eine ganz andere Gemeinschaft als heute sein, und das Vereinigte Königreich wird vielleicht gar nicht mehr existieren.

In einem nächsten Referendum, das in den kommenden Jahren folgen dürfte, werden die Schotten entscheiden, ob sie die 300 Jahre alte Union mit England verlassen und der europäischen wieder beitreten wollen. Stimmen sie trotz der damit verbundenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten für die Unabhängigkeit, wird das Vereinigte Königreich faktisch aufhören zu existieren. Jeder britische Politiker, der will, dass die Schotten bei den Engländern bleiben, muss also – als Alternative zur Unabhängigkeit – möglichst bald ein anderes, föderales Modell der britische Union vorlegen. Es würden also entweder das Ende des Vereinigten Königreichs oder ein neues föderales Königreich Britannien zur Auswahl stehen.

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