Geigerin Anne-Sophie Mutter über Kunst- und Religionsfreiheit: Kann Unterordnung der Kunst „nicht nachvollziehen“


Kunst und Religion haben Sonderrechte in der Gesellschaft. Dass die Kirchen offen, die Theater aber zu sind, kann die Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter nicht nachvollziehen. Am Samstag spielt sie im Berliner Dom.

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DOMRADIO.DE: Die Coronavirus-Pandemie stellt einiges auf den Kopf. Gerade jetzt in der Adventszeit merken wir das. Was gehört für Sie zum Advent?

Anne-Sophie Mutter (Violinistin): Menschen, die man liebt, denen man nahe sein möchte, denen man teilweise nicht nahe sein kann. Da geht es uns allen gleich. Für mich gehört aber nicht nur zum Advent, sondern überhaupt zum Leben, die Kunst. Ob das jetzt ein Rockkonzert ist, natürlich klassische Musik, Jazz, Museen, der Besuch in einer Oper, das ist für mich Lebensmittel, nicht Genussmittel. Ich weiß, dass es vielen Millionen Menschen genauso geht.

Das ist der Grund, warum ich mit meinem wunderbaren Quartett, bestehend aus aktuellen und ehemaligen Stipendiaten meiner Stiftung, auch in Alten- und Pflegeheime in der Vorweihnachtszeit gegangen bin. Gerade die alten Menschen betrifft nicht nur das Coronavirus, sondern diese Einsamkeit, diese Vereinsamung durch das Besuchsverbot. Deshalb war es mir sehr wichtig, diese emotionale Umarmung durch Musik zu schenken.

Jetzt beim Gottesdienst im Berliner Dom an diesem Samstag geht es vor allem um die Deutsche Orchesterstiftung, die im März einen Nothilfefonds gegründet hat, um freischaffenden Künstlern das Leben ein bisschen zu erleichtern. Dieser Fonds muss dringend unterstützt werden. Das ist einer der Gründe, warum wir in Gottesdiensten musikalische Umrahmung bieten. Es ist nicht nur ein Geschenk – hoffentlich wird es so gesehen – an die Gottesdienstbesucher, sondern es ist eben auch ein Aufruf der Solidarität für die freiberuflichen Musikerinnen und Musiker.

Seit März haben wir fast durchgehend ein Auftrittsverbot, das mit wahnsinnigen finanziellen Verlusten verbunden ist. Man muss bedenken, dass 95 Prozent der Künstler an der Armutsgrenze leben. Ein Musiklehrer bekommt, glaube ich, 11.000 Euro im Jahr. Das muss man sich mal vor Augen halten. Da ist natürlich jedes Adventskonzert, jeder andere Auftritt, der wegfällt, in jeder Beziehung eine Katastrophe. Es gibt bundesweit auch Hilfen, die sind aber extrem bürokratisch und oft sind die Kriterien so festgelegt, dass viele die Gelder gar nicht abrufen können. Die Novemberhilfe ist wohl etwas leichter zu bekommen. Im Übrigen sind 3000 Euro auf ein Jahr, in dem praktisch kein Einkommen erwirtschaftet werden konnte, zu wenig. Also davon kann man zwar nicht sterben, aber man kann auch nicht damit leben.

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