Gewalt gegen Frauen scheint der Öffentlichkeit ein eher lästiges Problem zu sein

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Von der Schwierigkeit, Gewalt gegen Frauen zu analysieren und öffentlich – vor allem in links-grün-liberalen Milieus – zu diskutieren. Hintergrund und Kommentar

Birgit Gärtner | TELEPOLIS

Gewalt gegen Frauen ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig, doch am „Tag er Menschenrechte“, am vergangenen Donnerstag, wurde dieses Thema weitgehend ausgeklammert. Denn statt die Opfer zu fokussieren und zu schützen, steht häufig der Täterschutz im Vordergrund.

Vor allem dann, wenn der Straftäter nicht der deutsche Michel und die Gewalt Folge kultureller und religiöser Prägung der Täter ist. In der Prostitution, der brutalsten Form der sexuellen Ausbeutung, genießt selbst der ansonsten verhasste sächsische Michel als Freier mehr Empathie als die Opfer dieser legalisierten sexualisierten Folter.

Seit 2015 wird jedes Jahr zum 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen, die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) „Partnerschaftsgewalt“ veröffentlicht. Diese fasst extrahiert aus der Kriminalstatistik für das Vorjahr, 2020 also 2019, Gewaltdelikte zusammen, bei denen Opfer und Tatverdächtige in einer Liebesbeziehung standen.

Leider ist die Statistik sehr ungenau, sie gibt nicht einmal über die reale Zahl der Opfer vollendeter Straftaten gegen das Leben Auskunft. Laut dieser Statistik wurden 2019 301 Frauen und 93 Männer Opfer von Mord und Totschlag, 111 Frauen und 29 Männer überlebten diese nicht. Hinzu kommen 6 weibliche und 3 männliche Opfer von Körperverletzung mit Todesfolge. Das Problem: In dieser Statistik tauchen alle Opfer eines Gewaltverbrechens, bei dem eine Person zu Tode gebracht wurde, als Tote auf.

Aufschlussreicher ist die Dokumentation von Professorin Kristina Wolff, die Tötungen von Frauen dokumentiert. Allein für den November 2020 listet sie 14 Fälle, in denen Frauen von ihren Nächsten – (Ex)-Partner, Ehemann oder Sohn – umgebracht wurden.

Die Spitze des Eisbergs

Tötungen sind indes „nur“ die Spitze des Eisbergs und neben häuslicher erleben Frauen vielfältige Formen von Gewalt – verbal und tätlich: Als Opfer sexualisierter Gewalt, als Opfer männlicher Gewalt in der Öffentlichkeit, als Opfer religiös/kulturell-patriarchaler Praktiken wie Zwangs- oder Kinder-Ehe sowie Female Genital Mutilation (FGM), weibliche Genitalverstümmelung oder in der Prostitution.

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes (TdF) geht davon aus, dass mehr als 74.000 Frauen und Mädchen in Deutschland von FGM bedroht oder sogar betroffen sind. Die Zahl bemisst sich aus den hier lebenden weiblichen Personen aus den Ländern, in denen FGM praktiziert wird, und wird anteilig nach dem dortigen Grad an Genitalverstümmelung berechnet.

Wenn 1000 Frauen und Mädchen aus Somalia oder mit einem somalischen Elternteil hier leben, in Somalia 98% der Frauen und Mädchen Opfer von FGM sind, dann tauchen 980 somalische Frauen und Mädchen als potentielle Opfer in der TdF-Statistik auf. Auch das ist natürlich ungenau.

Die einen kritisieren die Zahl, weil ihrer Ansicht nach alle Frauen und Mädchen aus Ländern, in denen FGM praktiziert wird, betroffen oder zumindest bedroht sind; andere halten sie für völlig überzogen, da Menschen genau aus solchen Gründen aus ihren Herkunftsländern fliehen und das Risiko nicht 1:1 übertragbar sei. Grundsätzlich scheint es vernünftig, auf alle zu schauen, die betroffen sein könnten. Und genau das fordert TdF auch.

Allerdings schaut außer TdF und anderen Organisationen, die explizit zu dem Thema arbeiten, niemand hin. Ein Wunder in einer Gesellschaft, in der Geschlechtsumwandlungen zum neuen Mantra erklärt werden und Transition von Jugendlichen – also Genitalverstümmelung, nach meiner Auffassung – als der letzte Schrei gilt?

TdF verweist auf eine Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums zum Thema „Zwangsverheiratung in Deutschland“, der zufolge waren

knapp ein Drittel der Personen, die 2008 Unterstützung wegen einer drohenden oder vollzogenen Zwangsverheiratung suchten, minderjährig. Zwangsverheiratungen werden in Deutschland überwiegend religiös/sozial geschlossen.

Bis zum Stichtag im Juli 2016 lebten in Deutschland ca. 1475 verheiratete minderjährige AusländerInnen (darunter 1152 minderjährige Ehefrauen). 361 waren unter 14 Jahre alt. und 664 syrische StaatsbürgerInnen bilden dabei die Mehrheit. Das zeigen Zahlen des Ausländerzentralregisters aus dem Jahr 2016.

Terre des Femmes

Die Gesetzesänderung vom Juli 2017 zur Bekämpfung von Frühehen solle zwar die Betroffenen besser schützen, so die Frauenrechtsorganisation, doch das funktioniere offenbar nicht. Im Juli 2017 sei das Heiratsalter verbindlich für alle auf 18 Jahre festgelegt worden und Ehen mit minderjährigen Beteiligten könnten aufgehoben werden.

TdF bemängelt, dass trotz der gesetzlichen Grundlage in der Praxis in drei Jahren nur in 11 Fällen davon Gebrauch gemacht worden sei. Ein Wunder in einer Gesellschaft, in der die Grünen sich immer noch nicht zu keiner klaren Haltung gegen Pädokriminalität durchringen konnten? In der „Loverboys“ erfolgreich agieren können, weil gerade Mädchen sehr leicht beeinflussbar sind und Freier sich um sie reißen, je jünger desto besser? In der alljährlich Tausende Männer asiatische Länder bereisen, um dort als „Sex-Touristen“ Frauen und Kinder zu vergewaltigen? Weitestgehend juristisch unbehelligt, übrigens. Sind ja anderleuts Kinder in Thailand oder auf den Philippinen…

Das Datenmaterial, um diese Problemfelder genau analysieren zu können, ist dürftig, noch schwieriger aber ist die Debatte über diese Probleme. Vor allem im links-grün-liberalen Milieu, dem Teil der Gesellschaft, der sich für deren fortschrittlichsten hält. Häusliche Gewalt wird als „Beziehungsdrama“ zum privaten Problem zwischen den Betroffenen abgetan, Ehrenmorde, bzw. die Thematisierung derselben, mit dem Verweis auf die „Beziehungsdramen“ als rassistisch abgestempelt, Kinder-Ehe und FGM als putzige kulturelle Eigenart abgetan und Prostitution zu einem „ganz normalen Job“ verklärt. Femizide interessieren den linken Mainstream nur dann, wenn Rechtspopulisten diese für ihre – häufig rassistische – Agenda instrumentalisieren und Anlass zum „Kampf gegen Rechts“ bieten.

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