Staatskritisch, antiautoritär, nach rechts offen


Rechte, Verschwörungstheoretiker, „Schwurbler“ und „Covidioten“: Die Ablehnung der Corona-Proteste durch etablierte Parteien und das eher linksliberale Lager ist ungebrochen und beruht, wie nun erste Ergebnisse einer umfassenden Untersuchung der Universität Basel zeigen, durchaus auf gegenseitiger Ablehnung.

Harald Neuber | TELEPOLIS

Verstellter Blick auf die Corona-Proteste? Aufnahme vom 2. Oktober in Berlin. Bild: Kai Schwerdt, CC BY-NC 2.0

Ein Großteil der Teilnehmer an Protesten, die sich gegen die Regierungsmaßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie wenden, steht den etablierten Medien, der Regierung und der Europäischen Union kritisch gegenüber. Doch es gibt auch einige Überraschungen.

Die Forschungsgruppe des Instituts für Soziologie der Universität Basel legte am Donnerstag ihre 60-seitige Grundauswertung der Studie zur politischen Soziologie der Corona-Proteste vor. Dafür hatte das Team um den deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler Oliver Nachtwey sowie die Soziologen Robert Schäfer und Nadine Frei zwischen dem 4. Oktober und dem 24. November zunächst klassische Befragungen bei den Protesten durchgeführt und die Umfragen später – auch aus Gründen des Infektionsschutzes – in Internetforen und Messengergruppen verlegt.

Die wichtigste Erkenntnis hatte Nachtwey bereits über die Frankfurter Allgemeine Zeitung lanciert: Es handele sich um eine Bewegung, die eher von links komme, aber stärker nach rechts gehe. Die Forscher haben dafür schlicht Wahlverhalten und -absichten erfragt. Heraus kam, dass bei der letzten Bundestagswahl in Deutschland 18 Prozent die Partei Die Linke und 23 Prozent Bündnis90/Die Grünen gewählt haben. Der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) gaben 15 Prozent ihre Stimme.

Bei der nächsten Bundestagswahl würden allerdings rund 27 Prozent die AfD wählen, Die Linke kommt unter den Befragten auf fünf Prozent, die Grünen auf ein Prozent. Die Parteien der Regierungskoalition spielen politisch keine Rolle.

Damit könnte die Bewegung der Corona-Maßnahmenkritiker die Umwälzung der deutschen Parteienlandschaft weiter befördern. Auffallend mehr übrigens als in der Schweiz, wo die in ihren Positionen der AfD nahestehende SVP von Beginn an bei den dortigen Protesten stark vertreten war.

Kritik an etablierten Kräften, teilweise antiautoritär

Die Analyse der Entwicklung der Proteste nach rechts „würden Menschen, die sich als Querdenker:innen verstehen, vermutlich ablehnen“, schreibt das Forschungsteam, „da mehr als die Hälfte von ihnen sich gegen ihre Einteilung in eine links/rechts-Schematik positioniert“.

Tatsächlich sind die Eigeneinschätzung wie auch die Wahrnehmung der Proteste widersprüchlich, wie die Studie aufzeigt. So besteht auf der einen Seite eine erhebliche Ablehnung etablierter Parteien, staatlicher Strukturen und Massenmedien; ohne Zweifel ein Anknüpfungspunkt für Rechtsextreme, die ihre Präsenz und strukturelle Einflussnahme auf die Proteste seit Beginn der Bewegung massiv ausgeweitet haben.

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