Apokalypse now


Dieses Jahr haben die Jahresrückblicke coronabedingt schon früher begonnen. Seit einigen Tagen hört man in Radiosendungen Einschätzungen des Jahres 2020, die zwischen Zweckoptimismus nach dem Motto „Corona als Chance“ und Verwünschen („Albtraum 2020“) changieren. Dabei blitzt bei manchen die beginnende Impfkampagne als Hoffnung auf, dass vielleicht bald doch wieder alles so werden könnte wie früher.

Peter Nowak | TELEPOLIS

Grafik: TP

Weihnachtswunder Corona-Impfung

Nun ist das Timing der Impfkampagne sicherlich kein Zufall. Es wird als verspätetes Weihnachtswunder inszeniert und bestätigt damit natürlich ein konservatives Bild von Weihnachten als Fest der Geburt einer neuen Hoffnung. Dabei wird natürlich ausgeblendet, dass ganz viele Menschen, die in Deutschland leben, sich in dieser christlich konnotierten Erzählung nicht wiederfinden, weil sie andere religiöse Bindungen haben oder säkular leben und keine Bezüge zu religiösen Heilsvorstellungen haben.

Auch sie könnten nun trotzdem den Beginn der Impfkampagne goutieren, weil es sich hier um einen Triumpf der Wissenschaft handelt, der eben nur in die christliche Weihnachtserzählung eingefügt wird. Es sollte nicht vergessen werden, dass in der Regel fortschrittliche Regierungen Impfungen gegen religiöse Kräfte durchsetzen mussten, die sich massiv dagegenstellen. Das galt im nachrevolutionären Kuba ebenso wie im Nicaragua nach dem Sieg der Sandinisten, aber auch in vielen anderen Ländern.

Krankheiten nicht mehr als Schicksal oder gar als Strafe irgendwelcher Götter zu akzeptieren, sondern beispielsweise mit Impfungen zu bekämpfen, ist das gute Erbe einer emanzipatorischen Bewegung weltweit. Doch ist die Hoffnung, die mit einer erfolgreichen Impfkampagne verbunden ist, im Jahr 2020 überhaupt realistisch?

Schließlich fanden viele der erfolgreichen Impfkampagnen in einer Zeit des Optimismus statt, in der Menschen nach erfolgreichen Revolutionen den Aufbau einer neuen Gesellschaft in Angriff nahmen. Der Schutz vor heilbaren Krankheiten war da nur ein wichtiger Bestandteil für den Aufbau einer solidarischen Gesellschaft. Doch von einem solchen Aufbruch ist in unserer Gesellschaft nichts zu hören und zu sehen.

Untergang, Apokalypse, Notstand

Das Impfprogramm gegen Corona fällt vielmehr in eine Zeit, in der Begriffe wie „Untergang“, „Apokalypse“ und „Notstand“ längst zu den Vokabeln einer Protestbewegung gehören. Dieser Befund stammt aus einen in der Wochenzeitung Jungle World veröffentlichten Text der ideologiekritischen Gruppe Nevermore.

Sie hat mit ihrer Kritik der Ideologiefragmente von Teile der Umweltbewegung eine wichtige theoretische Arbeit geleistet, weil solche Untergangsvorstellungen zum Kitt für Ausbeutung und Herrschaft werden, wie die Autoren feststellen. Wenn die Welt eh untergeht, kämpft natürlich niemand mehr für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen im hier und heute. Die scheinbar übermächtige Aufgabe, den Weltuntergang abzuwehren, lässt alle anderen Fragen klein werden.

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