Freiheit, Gleichheit, Religionsfeindlichkeit


Die Laizität in Frankreich wird immer mehr politisch instrumentalisiert. Eine Entkrampfung des Verhältnisses von Staat und Religion ist nicht in Sicht.

Michaela Wiegel | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Jedes Jahr in der Adventszeit streitet Frankreich darüber, ob Weihnachtskrippen in Rathäusern und anderen öffentlichen Gebäuden aufgestellt werden dürfen. Den Verfechtern einer strikten Laizität sind die volkstümlichen Krippenfiguren, die sogenannten Santons, ein Graus. Sie sehen in ihnen christliche Symbole, die in Rathäusern nichts zu suchen haben. Immer wieder müssen sich Gerichte mit der Frage befassen, ob Weihnachtskrippen mit dem 1905 beschlossenen Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat in Einklang zu bringen seien. Einige urteilten, dass es sich um Kulturgüter handele, die „konform“ seien, andere wiederum verlangten, die figürliche Darstellung der Geburt Jesu abzubauen. Der rechtsnationale Bürgermeister von Béziers hat eigens einen Rollwagen für die Weihnachtskrippe bauen lassen, um sie im Falle des Falles wegschieben zu können.

Der alljährliche Krippenstreit ist symptomatisch für das verkrampfte Verhältnis zu den Religionen in Frankreich. Das Pandemie-Krisenmanagement bleibt davon nicht ausgenommen. Gegen die Aufhebung der nächtlichen Ausgangssperre an Heiligabend, nicht aber in der Silvesternacht regt sich Protest. Die Entscheidung zugunsten des christlichen Festes sei „schwer diskriminierend“, schrieb die Politologin Françoise Dreyfus in einem Zeitungsbeitrag. Sie berücksichtige die Interessen der Muslime, Juden und Ungläubigen nicht.

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