Pandemie des Hungers


Hunger war schon immer ein steter Begleiter des Kapitals in seiner rund dreihundertjährigen Expansionsgeschichte. Vom krassen Elend in der frühen kapitalistischen Neuzeit, das selbst den Versorgungsstand des Hochmittelalters als eine „gute alte Zeit“ erscheinen ließ, bis zur gegenwärtigen globalen Hungerkrise: Überproduktion, Nahrungsmittelverschwendung und millionenfacher existenzieller Mangel bilden nur unterschiedliche Momente einer irrationalen und zerstörerischen Wirtschaftsweise, der menschliche Bedürfnisse – sofern sie in die geldwerte Form der Marktnachfrage gepresst werden können – nur als Mittel zum Selbstzweck uferloser Kapitalverwertung dienen.

Tomasz Konicz | TELEPOLIS

Grafik: TP

Infolgedessen wäre es verfehlt, die gegenwärtige Zunahme von Hunger und Mangelernährung in vielen Teilen der Welt monokausal auf die Pandemie zurückzuführen. Die Unfähigkeit des kapitalistischen Weltsystems, eine effiziente Pandemiebekämpfung zu organisieren, ohne dass Millionen im Elend versinken, verstärkt nur bereits gegebene Tendenzen. Die Zahl der weltweit hungernden Menschen steigt schon seit 2014 – nach einer kurzen Phase des Absinkens – laut der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) beständig an.

Im vergangenen Jahr litten rund 690 Millionen Menschen an Hunger und Unterernährung – ein Anstieg um 60 Millionen gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der unterernährten Menschen könnte sich laut Schätzungen in diesem Jahr aufgrund der Pandemie sogar verdoppeln. Der Welthungerindex bezifferte die Zahl der Hungernden im vergangenen Jahr sogar auf 822 Millionen.

Ein aktuelles Beispiel für diese Wechselwirkung von Pandemie und kapitalistischer Hungerkrise stellt die dramatische Lage der Textilarbeiterinnen in Südostasien dar, wo Millionen lohnabhängiger Frauen, deren Entlohnung sich ohnehin am Existenzminimum bewegte, nun dieses nicht mehr erreichen können. Für Hungerlöhne arbeitende Näherinnern in Bangladesch, Pakistan oder Bruma, deren Lohnkosten im Promillebereich des Einzelhandelspreises der Markenklamotten liegen, die sie unter brutalen Bedingungen für die Zentren des Weltsystems herstellen, müssen derzeit mitunter Schulden aufnehmen, um sich und ihre Familien satt zu kriegen.

Vom Kartoffel- zum Reisstandard

Der Krisentheoretiker Robert Kurz sprach vom „Kartoffelstandard“, auf den das Kapital immer wieder seine Lohnabhängigen drückt – für Burmas Textilarbeiterinnen, die mitunter dreimal täglich Reissuppe zu sich nehmen müssen, nimmt das Grundnahrungsmittel Reis diese Funktion ein. In Befragungen gaben rund 80 Prozent der (noch) beschäftigten Arbeiterinnen an, inzwischen Mahlzeiten auszulassen, damit ihre Kinder satt werden können.

Der marktvermittelte kapitalistische Verelendungsmechanismus, der in der Pandemie nicht nur in der Textilindustrie greift, transformiert die sinkende Marktnachfrage der Zentren des Weltsystems in leere Mägen in der Peripherie. Laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist der Absatz von Textilien in Europa und Nordamerika 2020 um rund 16 Milliarden Dollar eingebrochen, was sich in Einkommensminderungen von circa 21 Prozent in der südostasiatischen Textilindustrie niederschlug. Da die Löhne in der Branche am Existenzminimum liegen, müssen nun Millionen Arbeiterinnen schlicht hungern – oder sich verschulden. Umfragen zufolge mussten 75 Prozent der Beschäftigten schlicht Kredite aufnehmen, um genug Nahrung erwerben zu können.

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