„Ich verstehe nicht, warum munter weiter Fleisch gekauft wird“


Weihnachtsbraten für alle? Der katholische Priester und Biologe Rainer Hagencord beklagt, dass vor christlichen Feiertagen in den Schlachthöfen mehr Betrieb herrscht. Es werde vergessen, dass auch Tiere eine Würde und eine Seele haben.

Thomas Hummel | Süddeutsche Zeitung

Rainer Hagencord, 59, geboren im Münsterland, leitet das theologisch-zoologische Institut und wirbt für eine Theologie, die die Tiere nicht vergisst. (Foto: Thomas Mohn | WWU)

In Deutschland werden pro Jahr etwa 750 Millionen Tiere geschlachtet. Rainer Hagencord, 59, ist promovierter Theologe und katholischer Priester, zudem hat er Biologie studiert. Er beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Verhältnis des Menschen zum Tier, in Münster hat er das theologisch-zoologische Institut gegründet. Hagencord leitet aus der Bibel ab, dass auch Tiere eine Seele haben und deshalb einen würdevollen Umgang verdienen.

Der Weihnachtsbraten gehört in Deutschland zur Kultur. Was würde Jesus Christus zu diesem Brauch sagen?

Jesus von Nazareth liebte es zu feiern, aber lehnte jede Art von Gewalt ab. Da frage ich mich, warum Gewalt gegen Tiere völlig selbstverständlich ist. Und wieso just an Hochfesten unseres Glaubens die Schlachthöfe hochgefahren werden. Da komme ich nicht mehr mit. Auch nach den Corona-Ausbrüchen unter den schlecht bezahlten Mitarbeitern in vielen Schlachtfabriken verstehe ich überhaupt nicht mehr, wieso kein Ruck durch die Gesellschaft und die Kirchen geht und munter weiter Fleisch gekauft wird.

Wie steht die christliche Theologie zum Thema Tierschlachtung und Fleischverzehr?

Große Propheten im Alten Testament wollten allesamt an einen Gott glauben, der Barmherzigkeit will und keine Opfer. Schon zu Beginn sind Tiere in der Bibel die ersten gesegneten Geschöpfe, sie werden mit dem Menschen zusammen am sechsten Tag erschaffen. Sie bleiben nach dem vermeintlichen Sündenfall im Garten Eden, sind Bündnispartner Gottes nach der großen Sintflut, sind Lehrer für Bileam, Hosea, Hiob und letztlich auch für Jesus. Doch die heutige Theologie hat die Tiere vergessen.

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