«Jetzt kommen Sie mir nicht dauernd mit diesem Jesus. Das ist ja richtig einfältig!»


Der Grund für Weihnachten ist die Geburt von Jesus Christus. Alles andere ist Nebensache. Aber Jesus muss für vieles herhalten. Gerade in der Kirche.

Josef Hochstrasser | Neue Zürcher Zeitung

Jedes Mal, wenn Weihnachten naht, erinnere ich mich an eine schier unglaubliche Begegnung mit dem Bischof an seinem Sitz in Solothurn. Das war vor 43 Jahren. Ich eröffnete dem hohen Würdenträger, als römisch-katholischer Priester heiraten zu wollen. Wir stritten uns heftig. Der Bischof bestand auf der Einhaltung des geltenden Kirchenrechts. Ich argumentierte mit Jesus, vertrat die Meinung, von ihm sei keine Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit herzuleiten.

Irgendwann im Verlaufe der Debatte reagierte der Bischof ungehalten. «Jetzt kommen Sie mir nicht dauernd mit diesem Jesus. Das ist ja richtig einfältig!» Ich war perplex. Man glaubt es mir wohl nicht. Aber der Bischof hat das wortwörtlich so gesagt. Warum nur hat es ihn derart genervt, dass ich mich auf Jesus berief? Müssten sich Christinnen und Christen nicht in allen Entscheiden an diesem jungen Juden orientieren? Woran denn sonst? Er ist doch ihr Zentrum. Wer durfte sich nun zu Recht auf Jesus berufen, der Bischof oder ich?

Jüngst gab es wieder heftige Debatten um die Kirchen. Wäre es christlich gewesen, die Konzernverantwortungsinitiative anzunehmen, oder war es vielmehr ein christliches Muss, sie abzulehnen? Dürfen Kirchen den Gläubigen vorschreiben, was sie im Namen Gottes zu stimmen haben? Gott sei nicht neutral, haben Kirchenvertreter zu Protokoll gegeben. Als ob jemand wissen könnte, was Gott meint.

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