„Religion, Kunst, Philosophie. Das geht nicht weg“


Philosoph Peter Sloterdijk über das Dilemma von Religion, stets zwischen Häresie und Verknöcherung wählen zu müssen.

Michael Hesse | Frankfurter Rundschau

Der gesprächige Himmel stellte der griechischen Welt „eine ganze mythologische Bibliothek vor Augen“. Hier die Plejaden, Töchter des Titanen Atlas und der Okeanide Pleione. ©epd-bild/Werner Klug

Herr Sloterdijk, erzeugt eine Zeit ohne Religion die verstärkte Suche nach einem alternativen Sinnsystem?

Nun ja, Sinn ist ein weites Land, in ihm existieren auch religiöse Zonen, sein Gebiet geht aber weit über das Religiöse hinaus. In modernen Zeiten entdecken Menschen, dass es praktikable Alternativen zum religiösen Kult gibt. Standesbeamte können Priester ersetzen, ohne dass die Ehen deswegen misslingen; atheistische Implantologen schaffen neue Lebensfreude. Allgemein gesprochen dürfte man gut daran tun, mit Sinn sparsam umgehen, wie mit Süßigkeiten an den Feiertagen. Hier gilt die napoleonische Devise, wonach man nur das abschafft, was man ersetzt. Wenn Ersatz scheitert, wird das Abgeschaffte wiederkehren.

Den Himmel hatte die Theopoesie erst zum Sprechen gebracht, schreiben Sie in Ihrem Buch. Platon und seine Nachfolge unternahmen die Entkopplung von Dichtung und Wahrheit im Verstehen des Göttlichen. War das ein geglücktes Konzept oder brachten sie den Himmel wieder zum Schweigen?

Tatsächlich, die frühe Philosophie hatte dem Himmel, sprich dem Höheren und Höchsten, eine noble Zurückhaltung aufgedrängt, indem sie die Wahrheit eher im Schweigen als im Reden lokalisierte. Sie wies anfangs eine Tendenz zur Einheitsmystik auf. Mystik mündet in nicht-diskursiven Endstellungen, sie bleibt bei einem Einheitsgedanken stehen, der nicht mehr in Aussagen auseinandergelegt werden kann. So gesehen hatte die frühe Philosophie eher einen schweigenden als einen redenden Himmel zu verantworten.

Für die Gesprächigkeit des Himmels war ja auf andere Weise gesorgt, weil es im Orient wie im Okzident unzählige Lokalreligionen und mythologische Fabelwelten gab, in denen das Verhalten der Götter und Helden mehr oder weniger blumig ausgemalt worden war. Da hatte die menschliche Vernunft, wenn sie an Höheres oder Himmlisches dachte, immer eine Menge zu erzählen. Nicht zu vergessen: Der griechische Himmel mit seinen 48 Sternbildern stellte eine ganze mythologische Bibliothek vor Augen. Zu jedem Sternbild konnte ein informierter Zeitgenosse eine Geschichte hinzuerzählen; man hatte ständig einen redefreudigen Himmel über sich. Die Mythologien Homers und Hesiods haben den Olympiern ausführliche Biografien angedichtet, so dass das theopoetische Geschäft in alter Zeit mit bunten Zutaten betrieben werden konnte.

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