Nietzsche: Genie und Krankheit


Derzeit ist es einhundertundzwanzig Jahre her, dass Friedrich Nietzsche, eine der wirkmächtigsten Gestalten der – mindestens deutschen – Geistesgeschichte zu Grabe getragen wurde. Woran er, der eine Philosophie am „Leitfaden des Leibes“ betreiben wollte, starb, ist nach wie vor umstritten. Sicher ist nur, dass Nietzsche im Wahn starb: ein Umstand von erheblicher, nicht zuletzt philosophischer Bedeutung.

Micha Brumlik | Frankfurter Rundschau

War doch die Geistesgeschichte schon immer an der Frage interessiert, wie die Lebensgeschichte von Philosophen mit ihrem Denken zusammenhängt. Dabei stechen Nietzsches Leben und vor allem sein Tod besonders hervor – etwa im Vergleich mit Kant und Hegel. Während jener als hochbetagter Hagestolz im Alter von knapp achtzig Jahren, klar im Kopf starb, wurde der brave, bürgerliche Familienvater Hegel nur sechzig Jahre alt und starb an der Cholera oder – wie neuerdings vermutet – einem Magenleiden. Nietzsche jedoch, gerade einmal zehn Jahre ordentlicher Professor in Basel, starb mit fünfundfünfzig Jahren in geistiger Umnachtung. So unregelmäßig sein Leben, so unsystematisch und aufwühlend seine Philosophie: ein Denken, das alle bisher gewohnte Systematik aufstörte.

Vor allem aber wurde der Philosoph, der den Tod Gottes verkündigt hatte, gut dreißig Jahre nach seinem Tod zu einem Vordenker des Nationalsozialismus erklärt – eine Ansicht, die seit langem von nicht wenigen, rechtem Denken in jeder Hinsicht abgeneigten Philosophen – man denke nur an Georg Lukács – begründet vertreten wird.

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