Boris Johnson ist Londons Kaiser ohne Kleider


Der britische Premier Johnson hat den Leuten vorgegaukelt, dass sich Großbritannien komplett von der EU lösen könne. Jetzt fliegt der Bluff auf. Ein Kommentar.

Albrecht Meier | DER TAGESSPIEGEL

Die wirtschaftliche Vernunft hat über den machtpolitischen Egoismus des britischen Premierministers Boris Johnson gesiegt. Das ist das Fazit des zehnmonatigen Ringens um einen Handelsvertrag zwischen der EU und Großbritannien, das nun doch noch auf eine Einigung zusteuert.

Dass sich Johnson am Ende auf viele der Bedingungen der EU einließ, zeugt von der Einsicht des Hausherrn in der Downing Street: Statt im Clinch mit Brüssel noch ein paar Pluspunkte bei den Brexiteers in London zu sammeln, war es Johnson am Ende wichtiger, die britische Wirtschaft vor einem weiteren Absturz zu bewahren.

Dabei wäre es keineswegs überraschend gewesen, wenn sich der Regierungschef in London trotz aller absehbaren ökonomischen Verwerfungen für den „No Deal“ entschieden hätte. Dem sprunghaften Tory-Vorsitzenden, dem feste politische Prinzipien genauso fremd sind wie der freiwillige Verzicht auf billige Polit-Pointen, wäre es durchaus zuzutrauen gewesen, wenn er sich zu einem harten Bruch mit der EU entschieden hätte.

Aber womöglich hat auch das Chaos beim Lkw-Stau in Südengland in den letzten Tagen Johnson vor Augen geführt, was ein „No Deal“ in der Praxis bedeutet hätte.

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