Gehirndoping und Neuroenhancement: Fakten und Mythen


Allgemein meint man damit die Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit durch direkte Eingriffe ins Gehirn von gesunden Menschen, beispielsweise mit pharmakologischen Substanzen (Drogen/Medikamente) oder elektrischer Stimulation. Die Bezeichnung „Gehirndoping“ zieht den Vergleich zum institutionalisierten Sport, wo bestimmte leistungssteigernde Mittel verboten sind. „Neuroenhancement“ (oder auch: „Cognitive Enhancement“) wird eher in der wissenschaftlichen Diskussion verwendet. Weiter unten werde ich erklären, warum ich „instrumentellen Substanzkonsum“ für die bessere Bezeichnung halte.

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Ich verfolge die Diskussion seit über 15 Jahren und veröffentlichte 2005 möglicherweise den ersten deutschsprachigen Artikel zum Thema. Als junger, leistungsorientierter Philosoph und Wissenschaftler sah ich den Trend erst sehr positiv. Aufgrund der vielen Ungereimtheiten in der Berichterstattung und nach einer ersten Sichtung der pharmakologischen Studien (Schleim & Walter, 2007) wurde ich aber skeptisch. Wird hier den Menschen nicht viel zu viel versprochen?

Wie verbreitet ist Gehirndoping/Neuroenhancement?

Zu dieser Frage gab es schon 2011 eine zusammenfassende Arbeit von 28 Einzelstudien (Smith & Farah, 2011). Allerdings streuten deren Ergebnisse zwischen 1,7% und 55%. Das ist ein deutlicher Hinweis auf uneinheitliches Vorgehen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Wie definiert man das Phänomen und wie misst man es anschließend in der Praxis? Darauf scheint jede Forschungsgruppe andere Antworten zu geben.

Erst vor Kurzem erschien eine neue Arbeit, die inzwischen schon 111 Studien zusammenfasst (Faraone et al., 2020). Deren Ergebnisse streuen sogar noch etwas mehr, nämlich zwischen 2,1% und 58,7%. Die Autorinnen und Autoren kritisieren dann auch, dass sie aufgrund der großen Unterschiede der Einzelstudien keine formale Meta-Analyse vornehmen konnten, mit der sich die wissenschaftlichen Resultate auf standardisierte Weise zusammenfassen ließen. 2020 hat sich die Studienlage gegenüber 2011 also nicht wesentlich verbessert.

Die ehrliche Antwort auf die Frage nach der Verbreitung ist daher: Es lässt sich nicht genau sagen.

Wichtige Anhaltspunkte zur Verbreitung

Es gibt aber Anhaltspunkte. So liegen die Ergebnisse der methodisch hochwertigeren Studien, bei denen beispielsweise deutlich mehr Personen (N > 10.000), idealerweise an verschiedenen Orten befragt wurden, meist im einstelligen Prozentbereich. Umgekehrt stammte etwa der Extremwert von 55% von einer nichtrepräsentativen Befragung weniger (N = 307) männlicher Mitglieder von Studentenverbindungen an nur einer nordamerikanischen Universität (DeSantis, Noar & Webb, 2009). Dabei sind gerade junge Männer und Mitglieder solcher Verbindungen für ihren ausufernden Substanzkonsum bekannt.

Das landesweite und repräsentative (N = 102.000) US-amerikanische National Survey on Drug Use and Health 2015-2016 kam demgegenüber zum Ergebnis, dass nur 2,1% der Befragten verschreibungspflichtige Stimulanzien wie Amphetamin („Speed“) oder Methylphenidat („Ritalin“) ohne Rezept verwendet hatten (Compton et al., 2018). Eine groß angelegte, ländervergleichende Studie fand zudem heraus, dass der Konsum in englischsprachigen Ländern (z.B. Kanada, USA, Vereinigtes Königreich) höher ist als in deutschsprachigen (Deutschland, Österreich, Schweiz; Maier et al., 2018).

In vielen dieser Studien geht es nicht spezifisch um Gehirndoping/Neuroenhancement, sondern um „nichtmedizinischen Konsum“ von Stimulanzien und anderen Mitteln. Unter nichtmedizinischen Konsum fallen auch Motivationen wie länger auf Partys feiern, soziale Ängste bzw. Schüchternheit überwinden, abnehmen – einige Mittel reduzieren Hunger – oder schlicht ein „High-Gefühl“ zu erleben. Diese wesentlichen Unterschiede werden in vielen Berichten, sowohl in wissenschaftlichen als auch in allgemeinen Medien, aber oft nicht berücksichtigt.

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