Ein Jahrhundertfund?


Vor einiger Zeit wurde in der Atmosphäre der Venus das Molekül Phosphin entdeckt, was von der Astrobiologie als gewichtiges Indiz für die Existenz mikrobiellen Lebens auf unserem unmittelbaren Nachbarplaneten angesehen wird. Bewiesen ist durch die Entdeckung nichts, aber es ist ein starker Hinweis darauf, dass außerhalb der Erde einfache Lebensformen (Mikroorganismen) existieren könnten.

Michael Schetsche, Martin Werner | TELEPOLIS

Grafik: TP

In unserem Sonnensystem sind insbesondere der Mars, der Jupitermond Europa sowie die Saturnmonde Titan und Enceladus weitere Kandidaten für außerirdisches Leben. Dessen Entdeckung ist heute nicht nur zentrale Aufgabe sondern auch entscheidender Erkenntnishorizont der Astrobiologie. Vor einem entsprechenden „Treffer“ befindet sie sich in der wenig komfortablen Lage, eine Wissenschaften ohne empirisch nachgewiesenen Untersuchungsgegenstand zu sein. An dieser Stelle wollen wir jedoch nicht den wissenschaftstheoretischen Implikationen dieser Situation nachgehen, sondern vielmehr fragen, welches die kulturellen Folgen wären, wenn eines Tages tatsächlich ein wissenschaftlicher Beweis für die Existenz außerirdischer Lebensformen gefunden würde.

Stellen wir uns also einmal vor, in einigen Jahren – oder Jahrzehnten – werden auf dem Mars lebendige Mikroorganismen entdeckt. Wir fragen uns, ob dieses Ereignis auch außerhalb der unmittelbar beteiligten Wissenschaften von Bedeutung wäre und welche möglicherweise die kulturellen Auswirkungen sein könnten. Dazu wollen wir uns – neben den Wissenschaften selbst – vier kulturelle Felder ansehen, auf denen eine solche Entdeckung Folgen zeitigen könnte.

Es scheint offensichtlich, dass die Entdeckung außerirdischen Lebens, das nachweislich nicht von der Erde stammt, ein Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte wäre. Zumindest wäre es ohne Zweifel ein epochales Ereignis für die Astrobiologie selbst. Der Einfluss auf das wissenschaftliche Weltbild generell wäre nach unserer Einschätzung jedoch weniger einschneidend, als dies von vielen Astrobiologen heute behauptet wird. Unser Eindruck ist, dass hier die Begeisterung für das eigene Fach vorschnell auf andere Wissenschaften übertragen wird.

An den Paradigmen und Forschungsprogrammen von Disziplinen wie der Teilchenphysik oder auch der Verhaltensbiologie würde sich durch die Entdeckung direkt gar nichts ändern. Indirekt möglicherweise aber an ihren Arbeitsmöglichkeiten. Es könnte nämlich sein, dass die ohnehin immer knappen Ressourcen staatlicher und privater Forschungsförderung nach einer solchen Entdeckung umverteilt werden – hin zu einer Astrobiologie, die nun endlich ihren Gegenstand auch empirisch gefunden hat, und weg von anderen Wissenschaften. Auf die Freude in vielen naturwissenschaftlichen Professionen über die „große Entdeckung der Astrobiologie“ könnte bald ein Moment der Ernüchterung folgen, wenn man merkt, dass die eigenen Forschungsressourcen nun knapper werden.

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