„In der DDR konnte Gemeindeexistenz ‚biblischer‘ sein“


Von Constanze und Dieter Kraft erschien in diesem Jahr das Buch „Einsichten und Widersprüche“. Der Untertitel verdeutlicht den Inhalt: „Texte aus drei überwältigten Jahrzehnten“. Immer wieder geht es in dem Sammelband auch um Marx und Co., obwohl Constanze und Dieter Kraft doch evangelische Theologen sind

Reinhard Jellen | TELEPOLIS

Grafik: TP

Dieter Kraft lehrte Dogmatik an der Humboldt-Universität zu Berlin bis zum Ende der DDR 1990. Constanze Kraft war Pfarrerin in verschiedenen Kirchengemeinden in der nach 1990 erweiterten Bundesrepublik. Da kommen nicht nur spannungsreiche historische, sondern auch spannungsreiche ideologische Erkenntnisse zusammen.

Für Karl Marx war die Religion gewissermaßen die Urform des Ideologischen und die Religionskritik die Voraussetzung aller Kritik. Würden Sie Marx hier zustimmen?

Constanze Kraft: Als Theologen können wir auf die so gestellte Frage gar nicht angemessen antworten. Religionskritik ist natürlich nicht die Voraussetzung „aller“ Kritik. Und ob die Religion die Urform des Ideologischen ist, das hängt ja davon ab, was man unter Religion und was man unter Ideologie verstehen will. Wir verstehen schon, dass Ideologie hier auf „falsches Bewusstsein“ abzielt. Aber damit können wir nicht viel anfangen. Bewusstsein ist nie richtig oder falsch, es ist immer gesellschaftlich und also auf ein „Für oder Gegen“ ausgelegt. Und so auch alles Ideologische.

Dieter Kraft: Mit der Religion ist das so eine Sache. Für Niklas Luhmann ist sie ein geradezu überlebensnotwendiges Element menschlicher Evolution. Mit der sogenannten Religion tritt der werdende Homo sapiens aus dem Naturzusammenhang heraus und bekämpft Blitze und Donner mit Göttern und Gebeten. Das ist ein wirklich unglaublicher Evolutionssprung, ohne den es uns heute womöglich gar nicht geben würde. Wie wehrt man sich denn gegen Blitze und Donner, wenn man ihnen völlig ausgeliefert ist? Durch werdendes Selbstbewusstsein! Eine grandiose Evolutionsleistung. Im übrigen stimmen wir Marx fast immer zu. Aber er hätte die Frage wahrscheinlich auch etwas anders gestellt.

Parteilichkeit für den Menschen“

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich auch mit der Bibel. Was macht die Lektüre der Bibel für Sie auch heutzutage noch interessant?

Constanze Kraft: Sie werden es kaum glauben, aber die Bibel ist für uns ein durch und durch religionskritisches Buch, gewachsen über Jahrhunderte. Da werden die Götter entthront, die einst gegen Blitze und Donner ins Feld geführt wurden. Sie werden zu „Vogelscheuchen“, zu menschengemachten „Götzen“. Die Bibel hat zudem und vor allem ein ganz anderes Thema, nämlich „Recht und Gerechtigkeit“, „Für oder Gegen“, „Reich oder Arm“, „Zukunft oder Untergang“. Nicht zufällig antwortete Brecht auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch: „Sie werden lachen: die Bibel.“ Natürlich – hier haben wir Menschheitsgeschichte in nuce. Und wir finden eine Parteilichkeit für den Menschen, die einfach prägend ist.

Nicht für jeden ist und war die Bibel interessant. Im Mittelalter wurde die Lektüre der Bibel durch die Kirche reglementiert, und noch im 20. Jahrhundert haben lateinamerikanische Latifundistas Bibeln in der Kirche anketten oder gar wegschließen lassen, damit sie nicht in den Dorfgemeinschaften öffentlich vorgelesen werden konnten.

„Antifaschismus ist geradezu eine Bekenntnisfrage“

Sie haben beide in der DDR Theologie studiert und kirchliche Erfahrungen gemacht. Wie haben sich die christlichen Glaubensrichtungen in Ost und West unterschieden?

Constanze Kraft: Das lässt sich nicht geographisch ein- oder abgrenzen. Etwas dogmatisch formuliert: Es gibt und gab immer das, was als „wahre“ und „falsche“ Kirche bezeichnet werden könnte – und dann auch so bezeichnet werden muss. Denken Sie an die sogenannte Kirche der sogenannten „Deutschen Christen“, die ihre Altäre mit Hakenkreuzfahnen schmückten – und im Gegensatz dazu an die Bekennende Kirche, die in Karl Barth einen Kirchenvater gefunden hatte, dem der Antifaschismus geradezu eine Bekenntnisfrage gewesen ist. Und Barth stand nicht nur gegen den Faschismus, sondern gegen eine Kirche und eine Kirchengeschichte, die sich weit früher von der biblischen Botschaft entfernt hatte. Das war eine Zeit, in der die Fronten unübersehbar waren.

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