NSU-Blind?


Vieles über den Mordkomplex ist weiterhin im Dunkeln. Vieles ist inzwischen aber auch bekannt – vor allem, wer die Aufklärung verhindert

Thomas Moser | TELEPOLIS

Grafik: TP

Sorry für das Wortspiel, aber es bietet sich nach den Ausführungen einer Vertreterin von „NSU-Watch“ zum nämlichen Skandal einfach an. Hinter dem NSU-Trio stehe ein rechtsextremes Netzwerk – wer oder was oder wo oder wie, wissen wir aber nicht. In etwa so kann man diese Ausführungen zusammenfassen, die an dieser Stelle am 28. Dezember 2020 erschienen: „Es gab oder gibt ein bundesweites Netzwerk“ hinter dem NSU-Trio.

Ein klein bisschen wenig für neun Jahre Beschäftigung mit dem NSU-Komplex. Außerdem stimmt die Bilanz nicht. Doch wer so urteilt, hat entweder eine Entwicklung verpasst oder er bestreitet sie. Tatsächlich wissen wir ein paar Dinge mehr, zum Beispiel, wo wir suchen müssen, um Antworten zu finden. Streng genommen wissen wir aber auch weniger. Zum Beispiel, wer letztendlich die Täter bei allen Taten waren. Denn, dass es einzig und allein Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gewesen sein sollen, ist zurecht fraglich.

Um nach den ungeklärten Hintergründen zu forschen, muss man also mehr Erkenntnisse heranziehen als die, die einem ins Konzept passen.

Zwischen 2000 und 2006 wurden neun Männer mit türkischen, kurdischen und griechischen Wurzeln ermordet. Das einzig Verbindende zwischen ihnen bestand in ihrer Herkunft als Migranten. Dass es sich um eine rassistisch und fremdenfeindlich motivierte Tatserie handelte, ist deshalb naheliegend. Zu den Opfern gehört aber auch eine deutsche Polizeibeamtin und ihr deutscher Kollege, der den Anschlag knapp überlebte. Um alle zehn Morde zu erklären, reicht ein fremdenfeindliches Motiv nicht aus. Es muss noch einen anderen Hintergrund geben, der alle Taten verbindet.

Spuren

Im Mordfall Yasar gibt es eine Personenkennkette, die vom Opfer über einen Nürnberger Neonazi zu den mutmaßlichen Tätern Böhnhardt und Mundlos führt. Yasar hatte mit diesem Nürnberger Neonazi einmal Schwierigkeiten. War der Mord ein Racheakt? Töteten die NSU-Killer auch für andere?

Ausnahmslos die beiden neonazistischen Männer Böhnhardt und Mundlos sollen alle zehn Morde begangen haben. Das ist die offizielle Darlegung. An keinem Tatort wurden aber Fingerabdrücke und DNA-Hinterlassenschaften der beiden gesichert. Nirgends gibt es Tatzeugen. Waren sie tatsächlich die Täter oder die alleinigen Täter?

Im Mordfall Turgut, bemerkenswerterweise der einzige in Ostdeutschland, spricht am meisten für die Täterschaft von Böhnhardt und Mundlos. Beide hatten Bezüge zu Leuten in dem Rostocker Wohngebiet, wo der Mord verübt wurde. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Täterschaft und ostdeutschem Tatort? Gäbe es dann vielleicht auch einen zwischen Täterschaften und westdeutschen Tatorten? Möglicherweise war Beate Zschäpe in Rostock dabei und hat selbst geschossen. So vermutet es jedenfalls der Rechtsbeistand der Familie Turgut. Offiziell wird das verneint. Zschäpe soll bei keiner Tat dabei gewesen sein.

Im Mordfall Kiesewetter, dem Anschlag auf die zwei Polizisten in Heilbronn, waren mindestens vier bis sechs Täter beteiligt, möglicherweise sogar zehn. Man muss von einer Operation ausgehen, die damals im April 2007 stattgefunden hat. Die Bundesanwaltschaft sieht das anders: Die Täter sollen erneut lediglich Böhnhardt und Mundlos gewesen sein. Und so sieht es auch NSU-Watch.

Der Polizistenmord geschah mutmaßlich vor den Augen der Polizei sowie des FBI. Das legen Zeugenaussagen und Regierungsdokumente nahe. (Telepolis hat die Unterlagen vor einiger Zeit veröffentlicht. Antifa und NSU-Watch haben es abgelehnt.)

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