«Der grösste Irrtum? Dass hinter jeder Nikabträgerin ein Ehemann, ein älterer Bruder oder der Vater steht, der sie dazu zwingt»


Jedes Stereotyp, das zum Thema Burka im Umlauf sei, sei falsch, sagt der Luzerner Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti. Die Frauen trügen das Stück Stoff freiwillig und seien gar nicht besonders fromm.

Simon Hehli | Neue Zürcher Zeitung

In der Schweiz leben nur ein paar Dutzend Frauen, die regelmässig einen Nikab tragen.Andrew Kelly / Reuters

Es ist eine Debatte, die wie aus der Zeit gefallen scheint: Mitten in der grassierenden Pandemie, welche die Menschen im öffentlichen Raum zur Vermummung zwingt, startet der Showdown um die Burka-Initiative. Am 7. März entscheidet die Schweizer Stimmbevölkerung, ob sie einen Passus zur Kleiderordnung in die Verfassung schreiben will. Es ist offensichtlich, dass es dabei vor allem um Symbolpolitik geht. Denn in der Schweiz leben mehr Bären als Nikabträgerinnen.

20 bis 30, allerhöchstens 37 voll verschleierte Frauen gebe es hierzulande, schreibt der Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti von der Universität Luzern in dem neuen Buch «Verhüllung – die Burkadebatte in der Schweiz», das er zusammen mit Studenten verfasst hat. Die Zahlen basieren auf Umfragen unter Kennern der muslimischen Gemeinschaft in den Kantonen. Nur in den Sommermonaten und in wenigen touristischen Hochburgen gibt es manche Nikabträgerinnen zu sehen: Touristinnen aus den Golfstaaten.

Herr Tunger, was verspüren Sie, wenn Sie eine solche Frau im Nikab treffen? Ärger? Mitleid? Gar nichts?

Befremden. Es ist aber kleiner geworden, seit ich mich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftige. Es ist wie im Kinderbuch von Jim Knopf: Je näher man dem Scheinriesen kommt, desto mehr schrumpft das Phänomen auf die effektive Grösse und wird begreifbar.

Was irritiert uns denn so sehr an der Verhüllung des Gesichts?

Wir sind es einfach gewohnt, Mitmenschen aufgrund ihrer Mimik einzuschätzen. Gleichzeitig gibt es viele Situationen, in denen es uns kaum stört, wenn das nicht möglich ist. Auf der Skipiste etwa. Oder im Strassenverkehr, wenn wir nicht erkennen, wer hinter einer getönten Scheibe am Steuer eines Autos sitzt. Oder im Operationssaal.

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