Verabschiedung eines philosophischen Phänomens: Was man von Descartes über Trump lernen kann


Der amerikanische Präsident hat es in den letzten Jahren oft demonstriert: Das Wissen um die eigene Fehlbarkeit kann einem leicht abhandenkommen. Was ist zu tun, um dieser Gefahr zu entgehen?

Ursula Renz | Neue Zürcher Zeitung

Der scheidende amerikanische Präsident Donald Trump war ein Meister darin, seine Meinungen als Wissen zu verkaufen. (Bild vom April 2017). Olivier Douliery / Imago

Wenn am 20. Januar die Amtszeit von Donald Trump als Präsident der USA zu Ende geht, werden ihm die meisten Intellektuellen keine Träne nachweinen. Für Philosophen und Philosophinnen bedeutet dieser Abgang allerdings auch einen Verlust, hatten wir in Trump doch ein anschauliches Beispiel für die systematische Ausblendung fremder Perspektiven und Interessen vor Augen. Unter Rekurs auf die griechischen Wurzeln des Terminus könnte man dieses Verhalten auch als Idiotie bezeichnen, wobei als Ursache dafür der Mangel an Bewusstsein für die eigene Fehlbarkeit zu veranschlagen ist.

Dass einem das Wissen um die eigene Fehlbarkeit abhandenkommt, ist eine Gefahr, der Menschen grundsätzlich ausgesetzt sind; in so meinungsfreudigen Zeiten wie der heutigen ist diese Gefahr nur besonders virulent. Trump aber hat die Rolle eines sich unfehlbar wähnenden Menschen nahezu perfekt verkörpert. Höchste Zeit, diesem Phänomen ein paar allgemeinere Überlegungen zu widmen.

Wenn es um epistemische Fehlbarkeit geht, gibt es neben Sokrates keinen besseren Lehrmeister als René Descartes, dessen «Meditationen über die erste Philosophie» es in viele Schulzimmer und Büchergestelle geschafft haben. In diesem Werk unterzieht Descartes sämtliche Überzeugungen einer radikalen Überprüfung, bis er in der Gewissheit zur Ruhe findet, dass mindestens er selbst, der seine Meinungen dieser Überprüfung unterzieht, existiert, ja existieren muss.

weiterlesen