Erdogans Krieg gegen die Bildung


Den Kampf um die Bosporus Universität kann Staatschef Erdogan gewinnen. Die Türkei wird dabei verlieren und um Jahrzehnte zurückgeworfen. Ein Kommentar

Gerrit Wustmann | TELEPOLIS

Bosporus-Universität in Istanbul. Bild: Bertil Videt, CC BY-SA 3.0

„Verstehst du jetzt, warum ich meine Studienzeit überzogen hab? Ich wollte hier einfach nicht weg!“ Das sagte ein guter Freund, als ich mit ihm zusammen vor Jahren zum ersten Mal über den Campus der Bosporus Universität schlenderte, und ich verstand ihn sofort. Es ist die schönste Uni, die ich je gesehen habe. Weitläufig und sehr grün, vor allem aber: auf einem Hügel direkt am Bosporus auf der europäischen Seite von Istanbul.

Von den Seminarräumen aus geht der Blick nach Asien, wenn das Wetter gut ist, sitzt man auf Bänken unter Bäumen und der Blick in die Weite macht den Kopf frei. Man kann hier nicht unentspannt und gestresst studieren, völlig unmöglich. Allerdings muss man oft eine Weile auf einen der begehrten Bankplätze warten, denn neben den Studierenden sind die auch bei den Katzen beliebt, die hier überall sind – auch in den Hörsälen.

Wenn ich mich recht erinnere muss das 2013 gewesen sein, als die Gezi-Proteste gerade abgeklungen waren, in der Stadt aber noch eine angespannte Stimmung herrschte und an jeder Ecke Polizei stand. Viele der Studierenden hatten an den Demos teilgenommen. Die Unis, die jungen Gebildeten, sind traditionell nicht im Erdogan-Lager verortet, und das sieht der türkische Staatschef auch deshalb als Problem, weil dort längst nicht nur Kinder der bildungsbürgerlichen Mittel- und Oberschicht ausgebildet werden.

Viele haben es aus der anatolischen Pampa an die Elite-Uni mit Bosporusblick geschafft, und wenn sie einmal diese Luft der Welt, des Internationalen, geschnüffelt haben, sind die meisten für den kleinbürgerlich-autoritären Mief der AKP verloren.

Damals waren immer wieder renommierte Schriftsteller und Intellektuelle an der Uni zu Gast, nicht wenige von ihnen hatten selbst dort studiert. Die von Studierenden organisierten Gesprächsrunden waren meist bis auf den letzten Platz besetzt, zogen sich bisweilen über mehrere Stunden, und oft waren Studentinnen im Publikum in der Mehrheit, Studentinnen moderierten und organisierten die Gespräche. Es war offensichtlich, wie groß der Drang – und auch der Erfolg! – der jungen Frauen darin war, sich in einer männerdominierten Welt durchzusetzen.

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