Der genetische Code: ein „Wow!-Signal“?


Der Begriff „Wow!-Signal“ steht für ein Jahrzehnte währendes Rätsel der Astronomie: Im Jahr 1977 empfing der Astrophysiker Jerry EHMAN ein stark schmalbandiges Radiosignal auf der Frequenz der 21-cm-Linie des Wasserstoffs mit dem gewaltig anmutenden Big-Ear-Radioteleskop in Delaware im US-Bundesstaat Ohio. Für das 72 Sekunden andauernde Signal aus dem Sternbild des Schützen, das 30 Standardabweichungen über dem Hintergrundrauschen lag, schien es keine natürliche Erklärung zu geben.

Martin Neukamm | Richard-Dawkins-Foundation

Der starke, schmalbandige Anstieg der Empfangsfeldstärke entspricht vom Profil her dem einer Kommunikationsantenne. Sein Entdecker kreiste die Abfolge von Buchstaben und Zahlen, die für das Signal codiert, mit einem roten Stift ein und versah es mit dem Ausdruck des Erstaunens: „Wow!“ In der darauffolgenden Zeit entspann sich in der Fachwelt eine rege Debatte darüber, ob es sich um ein künstlich erzeugtes oder um ein natürliches Signal handele. Obwohl auch Objekte wie Pulsare als Quelle infrage zu kommen scheinen, hält die Kontroverse bis heute an.

Nun präsentierte vor wenigen Jahren ein kasachisches Wissenschaftler-Team eine Arbeit, die den Anspruch erhebt, auch im genetischen Code der Lebewesen eine Art „Wow!-Signal“ entdeckt zu haben. Die Code-Struktur sei statistisch derart auffällig, dass seine Entstehung nur durch intelligente Akteure zu erklären sei. Das Besondere: Diese Arbeit schaffte es sogar in eine referierte Fachzeitschrift, die eigentlich nicht dafür bekannt ist, obskuren Sonderlingen ein Forum zu bieten. Seitdem wird sie von Anhängern der Prä-Astronautik und der Intelligent-Design-Bewegung gleichermaßen als Beleg für den außerirdischen Ursprung des genetischen Codes gefeiert. Was hat es damit auf sich?

Ominöser Teiler 37 als Design-Signal

Bei den Autoren der besagten Arbeit handelt es sich um den Mathematiker Vladimir SHCHERBAK von der Al-Farabi-Universität in Kasachstan und den Physiker Maxim MAKUKOV vom astrophysikalischen Institut Fessenkow. Erschienen ist ihr Werk in der englischsprachigen Fachzeitschrift Icarus (SHCHERBAK & MAKUKUV 2013). Der Herausgeber des referierten Journals ist die American Astronomical Society (AAS), eine Vereinigung US-amerikanischer Berufsastronomen. Die Zeitschrift widmet sich überwiegend wissenschaftlichen Erstveröffentlichungen auf dem Gebiet der Planetologie, ist also alles andere als eine Hauspostille zur metaphysischen Erbauung esoterisch angehauchter Naturromantiker. Umso mehr lohnt sich ein Blick auf das Paper und die Erörterung der Frage: Wie begründen die Autoren ihre Einschätzung?

Um das „Wow!-Signal“ aufzuspüren, teilten SHCHERBAK & MAKUKOV zunächst die 20 genetisch codierten Aminosäuren in zwei Gruppen ein: In der ersten Gruppe führten sie alle Aminosäuren, die durch die ersten beiden Nukleinbasen eines sogenannten Basentripletts („Codons“) bereits eindeutig definiert sind (Abb. 1). Als Basentriplett oder „Codon“ wird eine Abfolge von jeweils drei Nukleinbasen („Buchstaben“) auf dem Erbmolekül DNA (oder auf der RNA) bezeichnet, die für eine bestimmte Aminosäure codiert. Die übrigen Aminosäuren reihten sie in die zweite Gruppe ein. Dann bestimmten sie in beiden Gruppen die Nukleonen-Zahlen (Molekulargewichte) der Aminosäuren sowie die ihrer Grundgerüste und Seitenketten, ordneten die Zahlen und bildeten jeweils deren Summen.

Nach dieser Operation stießen SHCHERBAK & MAKUKOV auf Zahlenverhältnisse, in denen immer wieder der Teiler 37 auftaucht: In der ersten Gruppe beträgt die Nukleonen-Summe der Seitenketten 333 (= 37 x 3²), die der Grundgerüste 592 (= 37 x 4²) und die Gesamtsumme 925 = (37 x 5²). Auch in der zweiten Gruppe taucht die Zahl 37 auf; die Gesamt-Nukleonenzahl der Aminosäuren beläuft sich auf 1110 (= 30 x 37).

Abb. 1: Gruppe von acht Aminosäuren, die durch die ersten beiden Codon-Basen eindeutig definiert sind. Dargestellt sind ihre Seitenketten sowie die Nukleonenzahlen (Molekular-Gewichte) dieser Seitenketten in aufsteigender Reihenfolge. Die Summe ergibt 333; allerdings bedarf es dazu einer gezielten Manipulation (hier: beim Prolin). Nähere Erläuterung im Text.

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