Denis Diderot ist der erste Intellektuelle einer anderen Moderne


Die radikale Offenheit des Geistes hat der Aufklärungsphilosoph in die seltene Kunst des intensiven Erlebens verwandelt. Das macht ihn zum Helden der besonderen Art. Der Romanist Hans Ulrich Gumbrecht legt frei, warum die Zeit für Diderot eben erst angebrochen ist.

René Scheu | Neue Zürcher Zeitung

Denis Diderot konnte sich selbst sorglos widersprechen, praktizierte er doch eine radikale Weltzugewandtheit. (Gemälde von Louis-Michel van Loo, Öl auf Leinwand, 1767). PD

Jede Zeit hat ihre Philosophen. Umgekehrt hat jeder echte Philosoph seine Zeit, die in manchen Fällen noch in der Zukunft liegt. Die Zeit von Denis Diderot, dem grossen Aufklärungsdenker und Enzyklopädisten, hat wohl eben erst begonnen. Das ist die Grundthese im Buch des Stanford-Romanisten Hans Ulrich Gumbrecht, das gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Von Diderot (1713–1784), dem Autor von «Jacques le fataliste» und «Le Neveu de Rameau», sind Sätze überliefert, die tatsächlich auf unsere Gegenwart gemünzt scheinen. Zum Beispiel: «Von der Philosophie zur Gottlosigkeit ist es ebenso weit wie von der Religion zum Fanatismus, aber vom Fanatismus zur Barbarei ist es nur ein Schritt.» Oder: «Der Einzelne kann sich vervollkommnen. Aber die Menschheit als ganze wird weder besser noch schlechter.»

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