Gibt es einen israelischen Antisemitismus?

Bild: screenshot bb.

Psychologische Aspekte eines latenten Phänomens in Israels Gesellschaft – das tabuisiert wird, aber längst diskutiert werden sollte.

Gabriel Strenger | tachles.ch

Seit bald einem Jahr greifen in Israel zwei grosse Krisen ineinander. Covid-19 stellt Israel, wie die meisten Staaten der Welt, vor grosse gesundheitspolitische, wirtschaftliche und ethische Herausforderungen. Gleichzeitig stecken wir in einer nicht enden wollenden politischen Krise, die selbst nach drei Urnengängen innerhalb eines einzigen Jahres nicht gelöst worden ist, und nun stehen schon die vierten Wahlen vor der Tür. Die politischen Wirren, die wirtschaftlichen Schäden von Covid-19 sowie die frontale Konfrontation zwischen Gegnern und Unterstützern von Premierminister Binyamin Netanyahu stellen die israelische Gesellschaft auf eine schwere Zerreissprobe. Die Wogen der Emotionen gehen hoch, und Beobachter warnen vor den Gefahren von unkontrollierten Gewaltausbrüchen und schliessen die Möglichkeit eines weiteren politischen Mordes in Israel nicht aus.

Die anstehenden weltanschaulichen und existenziellen Fragen, denen sich unsere Gesellschaft stellen muss, sind gewiss gewichtig, doch können sie das giftige Klima nicht erklären. Eigene Beobachtungen bringen den Verfasser zu der These, dass die israelische Gesellschaft sozusagen unter einem kollektiven posttraumatischen Wiederholungszwang steht und unbewusst aus der Diaspora importierte antisemitische Skripts inszeniert. Während viele Staaten der westlichen Welt, und an ihrer Spitze Deutschland, in Folge der Schoah über die andauernde gesellschaftliche Wirkung des Antisemitismus, ob latent oder offenbar, Rechenschaft ablegen und Strategien zu seiner Bekämpfung entwickeln, scheint sich in Israel die naive Hypothese verfestigt zu haben, dass Juden gegenüber dem antisemitischen Virus über eine natürliche Immunität verfügen. Die absurde Folge ist, dass ausgerechnet im jüdischen Staat antisemitische Prozesse unerkannt ihren Lauf nehmen können.

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