Die Sache – Frau und Mann unter dem Regime von Marktwirtschaft und Staat


Der erste von fünf Teilen umreißt das Thema und befasst sich mit der materiellen Grundlage dessen, was als Doppelbelastung der Frauen und als Gender Pay Gap beklagt wird.

Georg Schuster | TELEPOLIS

Bild: Dainis Graveris/Unsplash

Die aktuellen Nachrichten zur Lage der Frauen im marktwirtschaftlich-demokratischen Gemeinwesen fallen so und anders aus. Eine neue Studie z.B. hat ergeben, dass „berufstätige Frauen die großen Verlierer der Corona-Krise“ sind. Die weiblichen „Corona-Helden gehen leer aus“ – bei denen in den Supermärkten der Nation „fiel der durchschnittliche monatliche Bruttoverdienst (…) von 1471 Euro 2019 auf 1411 Euro im zweiten Quartal dieses Jahres“. Auch liegt die „Rentenlücke zwischen Frauen und Männern bei etwa 35 Prozent“. Demgegenüber hat sich „der so genannte ‚Gender Pay Gap‚ (von etwa 20 Prozent) in gut einem Jahrzehnt um drei Prozentpunkte verkleinert“ – vor allem deshalb, weil „die Gehälter der Männer weniger stiegen“.

So blieben z.B. die Gehaltszuwächse der Paketzusteller im letzten Jahrzehnt um ein Drittel hinter dem Durchschnitt zurück. Wenigstens die höheren Berufsetagen verzeichnen Bewegung nach oben: „In Vorständen börsennotierter und mitbestimmter Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern soll mindestens eines davon künftig eine Frau sein. (…) Die gesetzliche Vorgabe (seit 2016) von 30 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten ist mit aktuell 35,2 Prozent übertroffen.“

Dessen ungeachtet wird wegen „Geldsorgen, Problemen mit der Arbeit, keiner Distanz immer wieder vor mehr häuslicher Gewalt in Corona-Zeiten gewarnt. (…) Die Befürchtungen treffen zu.“ In allen sozialen Schichten steigen „seit sieben Jahren die Zahlen von Gewalt gegen Frauen in der Partnerschaft an“. Darin wiederum sehen Feministen und andere „die patriarchale Gewalt, von der nicht nur Frauen betroffen sind, sondern etwa auch Inter- und Trans*personen. Patriarchale Gewalt richtet sich gegen alle, die in der Frage der Identität und des Begehrens von der zweigeschlechtlichen Norm abweichen“ (ebd.).

Auf der anderen Seite gibt es auch in der angesprochenen Gender-Frage Bewegung. In den USA z.B. wehrte sich die LGBT-Community, die u.a. aus der Frauen- und Friedensbewegung hervorging, gegen einen von Präsident Trump betriebenen Ausschluss von Trans-Personen aus der US Army und wollte ihr Recht auf Einkommen aus Waffendienst gewahrt sehen.

In Deutschland verpflichtete das Bundesverfassungsgericht den Gesetzgeber dazu, künftig ein drittes Geschlecht zu berücksichtigen, nachdem schon im Juni 2017 der Bundestag einer „Ehe für alle“ zugestimmt hatte. Kürzlich beschloss auch die „Frankfurter Rundschau“, mit einem Doppelpunkt alle ihre Leser:innen zu adressieren, während Anne Will (ARD) allen Zuschauern einen gesprochenen Gender_Gap widmet. Hierzu passend weigerten sich „314 enseignantes et enseignants“, also französische Lehrkräfte, weiterhin die Grammatik-Regel zu unterrichten „Le masculin l’emporte sur le féminin“2, die für Adjektive gilt, bei denen im Fall von Nomen unterschiedlichen Geschlechts die männliche Form vorherrscht. In Polen dagegen hat das Verfassungsgericht erst kürzlich Schwangerschaftsabbrüche nahezu ausnahmslos für illegal erklärt.

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