Die Zweierbeziehung im Kapitalismus


Die Zweierbeziehung wurde nicht im Kapitalismus erfunden, er drückt ihr aber in spezifischer Weise seinen Stempel auf. Zunächst liefert er von der Lohnhöhe über die Arbeitszeiten zu den Mietpreisen dringende Gründe dafür, die Kosten und Erfordernisse der Lebenshaltung zu teilen und damit zu ökonomisieren. Auch braucht es, um den Arbeitsalltag zu bewältigen, eine häusliche Gegenwelt, am liebsten in einer Partnerschaft, die auf Zuneigung statt auf Berechnung und Barzahlung beruht.

Georg Schuster | TELEPOLIS

Zweierbeziehung uns Systemfrage. Bild: Pixnio

Dass man bzw. frau jemanden „fürs Leben“ suchen und ihn am besten als „gute Partie“ finden möchte, ist trotz Lebensabschnittsgefährten und in modernen Zeiten, wo nur die Liebe zählt, noch en vogue. Es wird also im Folgenden davon die Rede sein, wie dieses marktwirtschaftlich induzierte Bedürfnis nach Kompensation zerstörerisch in die Liebesbeziehungen eingreifen kann.

Teil 1: Die Sache – Frau und Mann unter dem Regime von Marktwirtschaft und Staat

Familienpolitik

Was zunächst die staatliche Familienpolitik betrifft, so gilt sie dem widersprüchlichen Auftrag an die Familie und ihr Personal, der kapitalistischen Gesellschaft die benötigten Arbeitskräfte und zugleich die ebenfalls erforderliche Reproduktion dieser Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen sowie dabei das Staatsvolk zu erneuern. Sich als Frau oder auch als Mann auf dem Arbeitsmarkt bereithalten und bewähren zu müssen, konfligiert beständig mit den familiären Verpflichtungen und Notwendigkeiten. In der Regel geht Ersteres als Sachzwang der Erwerbsquelle auf Kosten von Letzterem, was in den bekannten Figuren gestresster Eltern, überlasteter Mütter oder verwahrlosender Kinder anschaulich wird.

Das bringt Zustände mit sich, die die Paare und ihre Zuneigung zueinander nur schlecht vertragen, was nicht heißt, dass mit dieser auch die staatliche Inpflichtnahme für Kinder und Partner erlischt. Mit finanziellen Zuwendungen, gestärkten Elternrechten, Kindertagesstätten, Jugendamt und Eheberatung versucht der Staat, diesen Widerspruch zu steuern – ohne dass der je eine Verlaufsform erhielte, die die privaten und öffentlichen Klagen (z.B. von Lehrern wegen unerzogener Kids, auch von Unternehmern über die Kosten der Beschäftigung von Frauen) zum Verstummen brächte. Auch die hoheitliche Gewalt will schließlich haushalten, das versteht sich hierzulande, und dass der Gesetzgeber einen Mindestlohn verfügen sollte, von dem eine Durchschnittsfamilie ordentlich leben könnte, davon träumt noch nicht einmal die linke Parlamentspartei.

„Starkes“ und „schwaches“ Geschlecht

Klassenverhältnisse und die Hierarchie, die sie ausbilden, prägen sich, weil sie von den Akteuren und Profiteuren gewollt und wenn sie von den Betroffenen akzeptiert werden, unweigerlich ideologisch und psychologisch aus. Zu denken wäre im Kontext an die Redeweise vom „starken“ und „schwachen“ Geschlecht, an die Annahme einer inferioren „weiblichen Natur“, die auch von etlichen Frauen geteilt wird, an die intellektuelle Zuordnung des Mannes zum „Abstrakten“ und der Frau zum „Konkreten“ usw. Die Allgemeinheit solcher Vor-Urteile besteht darin, die Zumutungen und Anforderungen an Frauen wie Männer unter dem Regime von Kapital und Staat als einem Geschlechtscharakter oder einer Wesenseigenschaft geschuldet aufzufassen und die ergatterte Position oder den zugewiesenen Status in der Konkurrenzgesellschaft als „Wertigkeit“ der betroffenen Person oder Gruppe auszudrücken.

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