Vaterlandslose Akademiker


Weltweit schaffen Schulen die Grundvoraussetzung für den Erwerb von Wissen und kritischen Denkens. Doch erst die Universitäten sind die zentralen Institutionen, um den Nationalismus zu überwinden.

André Kieserling | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Akademiker sind an vorderster Front im Kampf gegen den Nationalismus. Bild: Unkel

Viele technische Erfindungen machen sich weltweit beliebt, weil ihre Vorteile jedermann einleuchten. Andere Verbreitungserfolge geben Rätsel auf. Was haben gläserne Bungalows in Hitzeregionen zu suchen, wo man sie nur nach Einbau kostspieliger und störanfälliger Klimaanlagen überhaupt nutzen kann? Eine für Soziologen mögliche Antwort könnte lauten, dass der Bungalow nicht nur ein Haus, sondern auch ein Modernitätssymbol war und gerade als solches Erfolg hatte. Es schadet nichts, wenn der Gebrauch eines Symbols mit gewissen Nachteilen verbunden ist. Die Opferbereitschaft der Anhänger zeigt vielmehr, wie ernst sie es meinen.

Der amerikanische Soziologe John W. Meyer hat den globalen Verbreitungserfolg ganzer Institutionen als Symbolgebrauch in diesem Sinne beschrieben. Vor allem in Entwicklungsländern finde man viele Einrichtungen, die in ihre soziale Umwelt so wenig hineinpassten wie der Bungalow in die Wüste, aber gerade dies bezeuge den Modernisierungswillen der politischen Eliten. Dass die Formenwelt des Nationalstaates auch dort imitiert wird, wo dies angesichts einer ethnisch und religiös gespaltenen Bevölkerung keine raschen Erfolge verspricht, ist dafür das Standardbeispiel. Aber auch in den Industrieländern orientiere man sich mitunter eher an globalen Modellen als am lokalen Bedarf. Meyer sieht in der Verbindlichkeit der globalen Symbole einen deutlichen Hinweis auf die Entstehung einer Weltgesellschaft.

weiterlesen