Die herbeigeredete Spaltung


Tatsächlich handelt es sich um dieselben Bruchlinien wie schon seit Jahrzehnten – und diese werden kaum größer, sie erhalten bloß größere Aufmerksamkeit. Kommentar

Gerrit Wustmann | TELEPOLIS

Grafik: TP

Egal in welches Medium, welche Talkrunde, welches Onlinemagazin man zurzeit blickt, überall geht das Gespenst der gesellschaftlichen Spaltung um. Allerorts wird sie beschworen, wird verlautbart, sie vertiefe sich immer weiter – woran auch immer das festgemacht wird. Und wie tief, ist man geneigt zu fragen, kann diese Spaltung denn noch werden?

Müsste sie nicht längst so tief sein, dass es einen unüberwindbaren Graben zwischen der einen und der anderen Hälfte der Gesellschaft gibt? Und sind die Gruppen auf der einen wie der anderen Seite dann homogen?

Worum geht es hier eigentlich? Zuerst einmal muss man sich der Tatsache stellen, dass eine Bevölkerung von deutlich mehr als achtzig Millionen Menschen ganz selbstverständlich in unzähligen Fragen Differenzen aufweist, dass es eine riesige Spanne an Lebensstilen, Haltungen und Perspektiven gibt, die zwangsläufig Dialog und oft auch Streit erfordern. Es ist fast schmerzhaft, wenn man eine solche Banalität betonen muss.

Selbst mit besten Freundinnen und Freunden, mit Verwandten, Kollegen, Nachbarn ist man oft nicht einer Meinung, auch und gerade wenn man an sich gut miteinander klarkommt, darf man einander kritisieren, darf man die Auseinandersetzung suchen. Es ist ja eher so, dass man sich Sorgen machen sollte, wenn man immer nur übereinstimmt, denn dann kann etwas nicht stimmen. Und wer mir nun das Ausformulieren von Binsenweiseiten vorwerfen möchte, der möge das gerne tun, dem könnte ich kaum widersprechen.

Die Offenen und die Verschlossenen

Nein, all diese kleineren Risse, Spaltungen, Differenzen sind nicht gemeint, wenn die große, sich vertiefende gesellschaftliche Spaltung thematisiert wird. Was gemeint ist, ist die Spaltung zwischen der heterogenen, demokratisch eingestellten, dem (gerne kontroversen) Dialog gegenüber offenen Mehrheit der Gesellschaft und einer Minderheit, die sich aus dem demokratischen Diskurs oder gar gänzlich aus der Realität verabschiedet hat.

Das ist meiner Auffassung nach der Fall bei Personen, die zum Rechtsextremismus neigen und entsprechende demokratie- und verfassungsfeindliche Parteien wählen oder bei solchen, die sich als Widerständler gegen eine herbeifantasierte Diktatur wähnen, die der Youtube-Universität mehr Glauben schenken als seriösen und fundierten Stimmen; bei Personen, die ihre Meinung sagen, manchmal auch brüllen, und im gleichen Atemzug, am liebsten vor Fernsehkameras, hinzufügen, sie dürften ihre Meinung nicht sagen; bei Menschen, die an eine Weltverschwörung geheimer Mächte und per Impfung verabreichte Überwachungschips glauben.

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