Sind wir Christen noch bei Trost?


Die christliche Religion ist nicht bloss ein überholter Wertelieferant der Aufklärung. Christen wagen, in den Alltäglichkeiten neuzeit­licher Gottesferne auch dem Anderen, rational nie gänz­lich Ein­hol­baren Raum zu geben.

Béatrice Acklin Zimmermann | Neue Zürcher Zeitung

Just zu Weihnachten wurde in dieser Zeitung von Simon Hehli die Quasifrage gestellt: «Die Schweiz verliert ihren Glauben – na und?» (NZZ 22. 12. 20). Die Grundaussage des Beitrags lautet: Das Christentum ist hierzulande zwar auf dem Rückzug, aber das braucht niemanden zu beunruhigen, denn die vom Juden- und vom Christentum vererbten (universellen) Werte werden auch dann fortbestehen, wenn der letzte Christ das Licht ge­löscht hat. Wer nun erwartet, dass der Autor eine neue Werte­debatte aufs Tapet bringt, sieht sich getäuscht. Vielmehr wird der vermeintliche Graben zwischen christlichem Glauben und aufgeklärter Vernunft neu aufgerissen und die «wissen­schaft­lich rationale Weltsicht» gegen «wundersame Vorgänge» im christlichen Glauben ausgespielt.

Pikant dabei: Wer sich Christ nennt und sich zu seinem Glauben bekennt, wird schnurstracks zum Freikirchler erklärt. Und noch pikanter: Als Ersatzglaube empfiehlt der Autor seine aufgeklärt-liberale Weltsicht, die «in einer komplexen Welt nicht auf alle Fragen eine eindeutige Ant­wort gibt».

Harmonie von Glaube und Vernunft

Man fühlt sich ertappt: Ist noch bei Trost, wer heute noch glaubt und Christ sich nennt? Wer so fragt, übersieht womöglich, dass es in der Geschichte des Christen­­tums auf weite Strecken um eine Aus­balan­cierung von Glaube und Vernunft ging: Die grie­ch­ische Philosophie und die römische Rechtsrationalität mit der Lehre des Evangeliums zu verschmelzen, gehört zum Lebens­kern des Katholizismus. Dessen unablässige Bemühungen um Harmonie von Glaube und Vernunft enthielten stets auch die Warnung davor, sich in einer Bibelfeste einzumauern und sich dem Strom frommer Ge­fühle zu überlassen.

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